Banken-Gipfel: Europas Finanzsouveränität in Gefahr
Marion Höllinger, Chefin der Hypo-Vereinsbank, mahnte ein deutlich schnelleres Tempo bei der Vollendung der europäischen Kapitalmarktunion an.
Foto: HandelsblattFrankfurt. Deutschlands Spitzenbanker fürchten, dass Europa seine finanzielle Autonomie verlieren könnte. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing und einige seiner Kollegen warnen angesichts der immer gravierender werdenden geopolitischen Risiken vor einer zu großen Abhängigkeit von internationalen Banken und Märkten.
„Wir haben im vergangenen Jahr bitter erfahren müssen, wie falsch es war, sich beim Gas ausschließlich auf einen einzelnen, nichteuropäischen Anbieter zu verlassen. Diesen Fehler dürfen wir im Finanzsektor nicht wiederholen – selbst wenn wir hier vor allem von einer Abhängigkeit von einem Verbündeten wie den USA sprechen“, sagte Sewing auf dem Banken-Gipfel des Handelsblatts. Europa brauche ein leistungsfähigeres und global wettbewerbsfähiges Finanzsystem.
Sewing räumte ein, dass Europas Banken seit Jahren an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. „Es gibt nicht mal eine Handvoll europäischer Banken, die global wettbewerbsfähig sind. Und auch diese Banken fallen immer weiter hinter die globalen Marktführer zurück“, betonte der Banker, der gleichzeitig Präsident des Bundesverbands der deutschen Banken ist.
Chinas Banken sind die größten der Welt
Die Liste der, gemessen am Buchwert, weltweit größten Banken wird aktuell von vier chinesischen Instituten angeführt, gefolgt von zwei US-Geldhäusern, erst auf Rang sieben und acht folgen mit der britischen HSBC und der französischen BNP zwei europäische Banken. Die Deutsche Bank rangiert derzeit auf Platz 26.
Angeführt wird die Liste von der chinesischen ICBC mit einer Bilanzsumme von 5,5 Billionen Dollar. Das Kreditbuch der ICBC „ist mit 3,4 Billionen Dollar größer als das von Deutscher Bank, Unicredit, Santander und HSBC zusammen“, rechnete Sewing vor. Das Fazit des Deutsche-Bank-Chefs: „In einer Welt, die von Konflikten und Blockbildung geprägt ist, darf die europäische Wirtschaft nicht zu sehr abhängig von außereuropäischen Banken werden.“
Das sieht Marion Höllinger, die Chefin der Hypo-Vereinsbank ähnlich. „Gerade das Thema Vertiefung der EU-Kapitalmärkte ist ein extrem relevantes Thema“, betonte die Bankerin. Höllinger mahnte ein deutlich schnelleres Tempo bei der Vollendung der europäischen Kapitalmarktunion an, ein Projekt, das die EU 2015 angestoßen hat und bislang nur schleppend vorankommt.
„Es ist nun entscheidend, den nächsten Schritt zu gehen“, betonte Höllinger. Dabei sei es gar nicht nötig, ganze Rechtsbereiche zu harmonisieren. Es sei viel wichtiger, sich auf die relevantesten Maßnahmen zu konzentrieren und diese Punkte „pragmatisch und schnell umzusetzen“.
Gerade erst sorgte der milliardenschwere Börsengang des britischen Chipdesigners Arm für Aufsehen, der sich bei seiner Platzierung für die US-Technologiebörse Nasdaq entschieden hatte. Auch der deutsche Modekonzern Birkenstock geht nicht in Frankfurt oder London an die Börse, sondern in New York.
Im vergangenen Dezember hat die EU einen sogenannten Listing Act auf den Weg gebracht, der Börsengänge attraktiver machen soll. Zudem soll vor allem kleinen und mittleren Unternehmen der Zugang zum Kapitalmarkt erleichtert werden. „Die meisten Maßnahmen zur Vereinfachung von Rechtsvorschriften und zur Senkung von Kosten sind sinnvoll, aber sie werden nicht ausreichen, um Europas Börsen wirklich voranzubringen“, meint ein Frankfurter Investmentbanker.
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HVB-Chefin Höllinger sieht eine weitere zentrale Maßnahme zur Stärkung der Europäischen Kapitalmärkte: die Erleichterung von sogenannten Verbriefungen. Der Markt für Kreditverbriefungen war während der Finanzkrise 2008 in Verruf geraten. Verbriefungen erlauben es Banken, Kredite aus ihren Bilanzen zu Wertpapieren zu bündeln und über den Kapitalmarkt zu verkaufen.
Auch Deutsche-Bank-Chef Sewing fordert eine Wiederbelebung des EU-Verbriefungsmarkts. Die EU hatte den Verbriefungsmarkt zuletzt 2017 mit der Einführung eines sogenannten STS-Labels verändert. Das Kürzel steht für „Simple, Transparent, Standardized“. Damit führte sie auch als Reaktion auf die Finanzkrise neue Schutzklauseln ein.
Sewing und seine Kollegen halten diese Regeln allerdings für zu restriktiv. Sie seien ein Grund, warum der europäische Verbriefungsmarkt im Vergleich zu den USA mit nur etwa einem Zehntel des Volumens winzig ist. Deshalb unterstützt der Deutsche-Bank-Chef die Initiative von Bundesfinanzminister Christian Lindner und dessen französischen Amtskollegen Bruno Lemaire, die den Verbriefungsmarkt in der EU liberalisieren wollen.