Kommentar: Telekom-Chef Höttges darf Deutschland und Europa nicht vernachlässigen
Für den Chef der Telekom ist die Fusion in den USA eine große Chance.
Foto: dpaVor gut zwei Jahrzehnten brach die Deutsche Telekom zu einem Abenteuer auf: der Eroberung des US-Markts. Lange sah es so aus, als sei das Experiment gescheitert. Heute sind die USA der wichtigste Wachstumstreiber des Bonner Konzerns. Durch den bevorstehenden Zusammenschluss der US-Tochter T-Mobile US mit dem US-Rivalen Sprint will CEO Timotheus Höttges den Fokus auf Amerika ausweiten.
Allerdings muss er sich dabei unangenehme Nachfragen gefallen lassen. Denn wegen der Zugeständnisse an die Behörden ist die US-Fusion bei Weitem nicht mehr so lukrativ wie ursprünglich gedacht. Der Ausbau in den USA wird zudem viel Geld kosten. Geld, das Höttges eigentlich für Deutschland und Europa braucht.
Die Herausforderungen dort sind riesig – finanziell und auch personell, nachdem am Mittwoch bekannt wurde, dass die Telekom den Deutschlandchef Dirk Wössner verliert. Sein Abgang ist ein großer Rückschlag für den Konzern und für Höttges, der nun ohne geeigneten Kandidaten für seine Nachfolge dasteht. Er kann es sich auf keinen Fall leisten, Investitionen im Heimatmarkt abzuziehen, nur um die USA zu stärken.
Zunächst ist der Zusammenschluss für Höttges aber ein großer Erfolg. Zwei Jahre ist es her, dass er die Details dafür mit dem Sprint-Mehrheitseigner Softbank und dessen Gründer Masayoshi Son aushandelte. Seitdem hat die Telekom daran gearbeitet, alle nötigen Erlaubnisse von US-Behörden und -Gerichten für den Zusammenschluss zu bekommen.
Die größte noch ausstehende Hürde wurde am Dienstag aus dem Weg geräumt, als die Klage mehrerer US-Bundesstaaten gegen den Zusammenschluss abgeschmettert wurde. Noch eine weitere richterliche und eine behördliche Genehmigung stehen aus. Es ist aber wahrscheinlich, dass sie den Deal nicht mehr stoppen werden.
Doch es wird ein teurer Angriff. T-Mobile US hat versprochen, ein landesweites 5G-Mobilfunknetz aufzubauen. 40 Milliarden Dollar an Investitionen hat T-Mobile-US-Chef John Legere dafür angekündigt. Einen Teil dieses Geld wird wohl die Bonner Konzernmutter beisteuern müssen, denn allein wird die US-Tochter dies nicht stemmen können.
Legere ist nicht nur mit Kampfpreisen in den US-Markt gegangen. Er hat im Zuge der Fusion auch versprochen, dass er die Preise nicht anheben wird..
Höttges hat nicht viel Spielraum
Zudem hat er den Behörden in Aussicht gestellt, dass während der nächsten Jahre keine Stellen abgebaut werden. Zu den Zugeständnissen an die Wettbewerbswächter in den USA gehört, dass T-Mobile dabei helfen muss, einen neuen Konkurrenten aufzubauen.
Der Netzbetreiber muss einen Teil seiner Frequenzen abgeben sowie die Prepaid-Sparte Boost an Dish Network verkaufen. Dish-Chairman Charlie Ergen hatte über die vergangenen Jahre bereits Mobilfunklizenzen im Wert von rund 20 Milliarden Dollar erworben. Zusammen mit der Unterstützung, die er von T-Mobile bekommen wird, könnte Ergen zum neuen Angreifer auf dem US-Mobilfunkmarkt werden.
Diese Zugeständnisse machen den US-Deal weniger attraktiv für die Telekom. Im für den Dax-Konzern schlimmsten Fall entsteht ein neuer Wettbewerber, der den Markt so aufmischt, wie es T-Mobile einst selbst gemacht hat. Im Zentrum aber wird für Höttges nun die Frage stehen, wie amerikanisch die Deutsche Telekom künftig sein soll.
Schon heute steuert das US-Geschäft mehr als die Hälfte zum Umsatz des Konzerns bei. Schon bald steht Höttges vor der Entscheidung, ob er lieber in Europa oder in den USA investiert. Er hat nicht viel Spielraum. Die Telekom hat Schulden in Höhe von rund 80 Milliarden Euro angehäuft.
Die Verschuldungsquote ist höher als geplant. Deswegen hatte Höttges schon eine Kürzung der Dividende angekündigt. Ein Investitionsprogramm für die USA kann also nicht auf Pump finanziert werden. Es würde zulasten der Ausgaben in Europa gehen.
Es gäbe noch einen anderen Weg. Die Telekom könnte den Deal in den USA als Möglichkeit nutzen, ihren Anteil an der US-Tochter zu reduzieren. Nach aktuellen Plänen würde sie 42 Prozent am vereinigten Unternehmen halten. Wohl zu keinem Zeitpunkt waren die US-Anteile der Telekom so viel wert wie nach einer erfolgreichen Fusion mit Sprint. Es wäre die Chance für den Dax-Konzern, Kasse zu machen.
Nach dem Erfolg in den USA braucht Höttges eine Strategie, mit der er glaubhaft darlegen kann, wie die Deutsche Telekom zugleich die Geschäfte in Amerika und in Europa weiterentwickeln kann. Es wäre ein großer Fehler, bei aller Euphorie für die USA den Fokus auf die Heimatmärkte zu verlieren. Das würde die Bundesregierung als Ankeraktionär des Unternehmens wohl kaum zulassen.