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Morning Briefing Blutige Spur des Terrors in Wien

03.11.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

ein deprimierender Dreiklang beherrscht die Nachrichten in diesen Tagen: Covid, die US-Schlammschlacht und Terror. Nichts, womit man gut einschläft oder aufwacht. Und doch muss man sich vergegenwärtigen, dass die blutige Spur der Terroristen nach Frankreich nun Wien erreicht hat. Dort haben gestern Abend an sechs Tatorten Attentäter das Feuer eröffnet, es gab mindestens drei Tote und etliche Schwerverletzte, darunter ein Polizist. Von einem „widerwärtigen Terroranschlag“, der sehr professionell vorbereitet gewesen sei, spricht Bundeskanzler Sebastian Kurz. Schnell machte die Information die Runde, dass womöglich eine Synagoge ein Zeil gewesen sei. Die israelitische Kultusgemeinde bat jüdische Mitbürger, zu Hause zu bleiben. „Niemand köpft leichter als jene, die keine Köpfe haben“, hielt der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt den Fanatikern dieser Welt entgegen.

Quelle: dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel versucht, Kritiker der Corona-Maßnahmen zu besänftigen.

Die gestrige Ad-hoc-Pressekonferenz von Angela Merkel war praktizierter Meinungsklimaschutz. Die Kanzlerin spürt, dass die flächendeckende Stilllegung von Kultur, Gastronomie und Hotellerie als ungerechte Breitseite herüberkommt – ausgerechnet gegen jene, die sich um Einhaltung der Hygieneregeln bemühen. Überall in der Bundesrepublik gehen Klagen gegen das Außerkraftsetzen etlicher Grundrechte ein. Kritiker werden mit dem Argument bedacht, „gerecht“ sei am Ende ja dann nur, alles auf- oder zuzumachen, was die Regierung im Kampf gegen die explodierenden Fallzahlen nicht wolle. Eine besondere Note steuert in der Corona-Debatte übrigens Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil bei. Der SPD-Politiker lobt Bürger, die bei der Polizei anrufen, weil der Nachbar zu viel Besuch habe: „Gerade geht es um richtig viel, es geht um unser aller Gesundheit, es geht um das Leben ziemlich vieler Menschen. Und da können wir eine solche Mithilfe durchaus gebrauchen.“ Ausgerechnet in der Zeitung „Der Sozialdemokrat“ vom 3. Mai 1883 sind folgende Verszeilen erschienen: „Der größte Lump, die größte Schand, das ist und bleibt der Denunziant.“

Merkel trat bei ihre live gestreamten Seelenmassage als Evidenz-gesteuerte Naturwissenschaftlerin auf – die nun freilich den Widerspruch aufklären muss, dass ausgerechnet sie Antikörper-Schnelltests empfahl, etwa für Bewohner und Besucher von Altenheimen. Laborärzte und Europas größter Laborkonzern Synlab warnen immer wieder vor Massentests mit diesem Produkt, so wie sie jetzt bei allen Bürgern der Slowakei zur Anwendung kamen – zu unsicher, zu wenig sensitiv. So zeigte sich im spanischen Ort Casariche, dass mehr als zehn Prozent der herkömmlichen PCR-Tests ein positives Ergebnis auswiesen, aber nur 0,1 Prozent der Express-Tests. Es gibt viele solcher empirischen Beispiele. Die politische Unterstützung für die Mangel-Ware ist letztlich ein Sonderkonjunkturprogramm für Konzerne wie Siemens Healthineers, Abbott und Roche, die mit den Schnelltests ebenso schnell schöne Geschäfte machen. Wir erleben, wie so oft in diesen Corona-Tagen, eine Umverteilung: in diesem Fall aus den Kassen der Bürger und Versicherten in die Kassen der Aktionäre.

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    Wenn wir jetzt bei Siemens sind: Der Industriekonzern wartet mit der Überraschungsmeldung auf, dass die Mitarbeiter einen Corona-Bonus von jeweils bis zu 1000 Euro erhalten, was den Popularitätswert von Noch-CEO Joe Kaeser ansteigen lässt. Bei weltweit rund 235.000 Mitarbeitern kommen rund 200 Millionen Euro zusammen, fertig zur Auszahlung an der Kasse sozusagen. Honoriert würden „die außerordentlichen Leistungen der Beschäftigten in der Pandemie“, die Siemens hervorragend gemeistert habe, heißt es in einer Mitteilung. Siemens Healthineers dürfte folgen. Solche Pandemieprämien, freilich in kleinerer Stückelung, gab es auch schon bei der Deutschen Post DHL sowie bei Lidl, Aldi und Rewe.

    Quelle: dpa
    Für Präsident Donald Trump geht es heute um seine Wiederwahl.

    In den USA kämpft Präsident Donald Trump kurz vor der morgigen Wahl mit einer Auftritt-Serie um seine Bestätigung im Amt. Sie ist nicht so unwahrscheinlich, wie viele glauben – weshalb es ein regelrechtes „Fundraging“ vieler Spender bei der Demokratischen Partei gibt. In seinen Reden und Kundgebungen hat Trump das Virus als Gefahr stets marginalisiert, seine Fans stehen und standen eng beieinander. Aufgrund dieser Events sei es allein zwischen Juni und September zu 700 Toten und mindestens 30.000 zusätzlichen Coronafällen gekommen, errechneten Forscher der Stanford University. Die USA sind mit nunmehr 9,24 Millionen Fällen das am stärksten von der Pandemie betroffene Land auf der Welt. Zum US-Wahlkampffinale haben meine Kolleginnen und Kollegen einen ausführlichen Schwerpunktkomplex zusammengestellt.

    An deutschen GmbHs sind offenbar all die Debatten über Gleichberechtigung und Gender, über Frauenrechte und Männerbünde spurlos vorbeigeweht. Der typische Chef sieht so aus: maskulin, 52, Audi A6 oder BMW X5 als Dienstauto, 178.000 Euro im Jahr, 47,5 Stunden Wochenarbeitszeit, 37 Mitarbeiter. Das ermittelte eine uns vorliegende Studie von BBE Media und dem Deutschen Steuerberaterverband. Und die Frauen? Erhalten nur rund 141.000 Euro und sind vor allem eine Seltenheit. Ihr Anteil in den Geschäftsführungen hat sich noch mal auf erschütternde 9,2 Prozent verringert. Fast logisch, dass sie weniger teure Dienstwagen fahren. Hier gilt noch die Geschlechterwelt vergangener Jahrzehnte, die Hildegard Knef selig einmal so beschrieb: „Ein intelligentes Mädchen wird sich immer bemühen, weniger zu wissen als der Mann, mit dem es sich gerade unterhält.“

    Quelle: dpa
    Der Torjäger Gerd Müller begleitete den FC Bayern München von Amateur-Heimeligkeit zum Fußballkapitalismus.

    Der Lesen-Sehen-Hören-Tipp des Tages kommt wieder aus der Buchbranche. Es geht um den sportpolitisch-ökonomischen Überbau zum heutigen 75. Geburtstag des Mannes, den sie „Bomber der Nation“ nannten. In seinem Werk „Gerd Müller: oder Wie das große Geld in den Fußball kam“ (C.H. Beck) beschreibt der promovierte Historiker Hans Woller eine Welt, in der Handgeld noch Handgeld war, und der bayerische Finanzminister den von seiner CSU gehätschelten FC Bayern München zur Steuerhinterziehung ermunterte. Der heute so reiche Klub stand in den 1970ern vor der Pleite. Torjäger Müller bleibt in der vorwärtsverteidigenden Sozial-Biographie der einfache, gradlinige Charakter aus Nördlingen im Übergang von Amateur-Heimeligkeit zum Fußballkapitalismus. Einer, der das multiple Medien- und Millionenspiel seiner Spielkameraden Beckenbauer, Hoeneß und Breitner kaum durchschauen, geschweige denn selbst pflegen konnte. Es ist aber auch ein Buch über die Fürsorge des FCB, der seinem Ex-Star später aus tiefster Alkoholkrise aufhalf, sowie über die schwierige Paarbeziehung der Müllers. Heute sagt Ehefrau Uschi, „der Gerd schläft seinem Ende entgegen“, demenzkrank in einem Pflegeheim südlich von München.

    Und dann ist da noch das schwedische Möbelhaus Ikea, das nun „circular economy“ praktiziert und folglich ein „zirkuläres Unternehmen“ sein will. Kreislaufwirtschaft gilt im Reich der Kamprad-Familie als Geschäftsmodell der Zukunft, der Lebenszyklus der eigenen Produkte soll verlängert werden. Und so eröffnete Ikea im schwedischen Ort Eskilstuna das weltweit erste Second-Hand-Geschäft mit eigener Ware. Da stehen sie rum, alte „Billy“-Regale, „Hemnes“-Sideboards oder „Malm“-Kommoden, manche Stücke sind aufgearbeitet. Solche zirkulären Versuche im Trendgeschäft „Second-Hand“ sind wie Imagepolitur für ein Unternehmen, das in Billiglohnländern unter geringen Sozialstandards produzieren lässt.

    Ich wünsche Ihnen einen erfahrungsreichen Tag.

    Es grüßt Sie herzlich

    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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