Chinesischer Autohersteller: Nio will Verkauf von Elektroautos in Europa ankurbeln
Der neue ET5 in einem Nio-Schauraum: Das elektrische Mittelklasse-Modell ist ein chinesisches Gegenstück zum Model 3 von Tesla.
Foto: ReutersFrankfurt. Nio tut sich in Deutschland und Europa schwer mit dem Verkauf seiner Autos. In der Bundesrepublik hat der chinesische Hersteller von Elektro-Pkw seit dem Verkaufsstart im Herbst vergangenen Jahres nur knapp 500 Autos absetzen können. Jetzt soll die neue Mittelklasse-Limousine ET5 – auch als Konkurrent zum Tesla Model 3 gedacht – für deutlich bessere Verkaufszahlen sorgen. Neue Nio-Niederlassungen in deutschen Innenstädten und Dutzende „Swapping“-Stationen zum Akkuwechsel sollen ebenfalls dazu beitragen.
Nio hat sich für einen eigenen Weg in Sachen Elektroantrieb entschieden. Das Unternehmen verwendet in seinen Fahrzeugen Wechselakkus. An Tauschstationen wird die komplette Batterie ausgewechselt. Dieser Vorgang dauert maximal fünf Minuten. Die meisten derzeit verkauften Elektroautos brauchen hingegen etwa eine halbe Stunde für ein vollständiges Aufladen der Batterie.
„Die Fahrt mit dem Elektroauto soll Freude bereiten und darf keine Strafe sein“, sagte Nio-Präsident Lihong Qin bei der Eröffnung einer neuen Niederlassung des Autoherstellers („Nio House“) in Frankfurt.
Nio setzt auf „Swapping“
Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Nio-Konzept mit dem kompletten Austausch der Batterie. Die Fahrt mit einem Nio-Auto werde dadurch bequemer und komfortabler, so Lihong Qin. Doch der chinesische Autohersteller muss dafür mit großem Millionenaufwand eine eigene Infrastruktur aufbauen.
In Deutschland gibt es bislang nur drei dieser „Swapping“-Stationen: in Berlin, bei Augsburg und in der Nähe von Düsseldorf. Bis zum Jahresende soll es in Europa etwa 100 Nio-Wechselstationen geben. Außer in Deutschland verkauft der chinesische E-Autohersteller seine Fahrzeuge in Europa in Skandinavien und in den Niederlanden.
Ralph Kranz, Deutschlandchef von Nio, versprach in Frankfurt, dass es mit der Infrastruktur in diesem Jahr entscheidend vorangehen werde. Bis zum Jahresende sollen in Deutschland etwa 40 „Swapping“-Stationen eröffnen. Nio werde damit die wichtigsten Fernverkehrsachsen abdecken. Im chinesischen Heimatmarkt betreibt Nio schon etwa 1300 Wechselstationen, weitere 1000 sollen dazukommen.
Die Nio-Verantwortlichen glauben, dass die Verkaufszahlen bald viel stärker nach oben gehen werden. Nach Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) waren im Januar und Februar gerade einmal 14 Nio-Fahrzeuge zugelassen worden. „Danach ist im März schon deutlich mehr passiert“, sagte Kranz, ohne konkrete Zahlen zu nennen.
Nio plant für einen langen Zeitraum
Nio versteht den Eintritt in den deutschen und in den europäischen Markt als ein langfristiges Engagement. Anfangsverluste beim Aufbau eines eigenen Vertriebs- und Ladenetzes werden bewusst in Kauf genommen. Aus Unternehmenskreisen heißt es dazu, dass es ein ganzes Jahrzehnt dauern könne, bis sich Nio in Europa als bekannte und akzeptierte Marke durchgesetzt habe.
Andere chinesische Hersteller von Elektrofahrzeugen wie BYD und Great Wall tun sich nach ihrem Marktstart in Europa ebenfalls schwer. „Die chinesischen Unternehmen werden in dieser Region nur dann vorankommen, wenn sie die Autos, die Produktion und das Marketing entscheidend verbessern“, sagte Felipe Munoz, Automobilanalyst beim Marktforschungsunternehmen Jato Dynamics.
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Auch in China hat das 2014 gegründete Unternehmen Nio die Verlustzone längst noch nicht verlassen. Im vergangenen Jahr verbuchte der Hersteller von Premiummodellen ein Minus von umgerechnet etwa zwei Milliarden Euro. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Bloomberg sagte Finanzvorstand Steven Feng, dass Nio 2024 die Gewinnschwelle erreichen werde. In diesem Jahr will das Unternehmen seine weltweiten Verkaufszahlen auf rund 250.000 Autos verdoppeln.
Nio sichert die staatliche Förderung
In Deutschland und Europa sollen neue Modelle für einen größeren Bekanntheitsgrad unter Autofahrern sorgen. Seit Freitag dieser Woche verkauft Nio in der Bundesrepublik sein drittes E-Automodell, die Mittelklasse-Limousine ET5. Bislang hatte der chinesische Hersteller ein SUV und eine teurere Premiumlimousine im Angebot.
Nio versteht den ET5 als klaren Konkurrenten zum Model 3 von Tesla. Das neue Nio-Modell wird jetzt etwas günstiger als ursprünglich geplant angeboten. In der günstigsten Variante liegt der Nettopreis ohne Mehrwertsteuer wie beim Model 3 so gerade eben unterhalb der 40.000-Euro-Grenze. Damit bekommen Nio-Käufer in Deutschland den Höchstsatz der staatlichen Förderung in Höhe von 4500 Euro.
Nio-Niederlassung in bester Lage am Kurfürstendamm in Berlin: Dort geht es nicht nur um den Verkauf von Autos, sondern um ganz viel Kommunikation.
Foto: IMAGO/Stefan ZeitzIn den kommenden Jahren will Nio nicht nur das „Swapping“-Netz entscheidend vergrößern, sondern auch in den Zentren der wichtigsten deutschen Städte mit eigenen Niederlassungen vertreten sein. Nach Berlin hat der Autohersteller in dieser Woche sein zweites deutsches „Nio House“ in Frankfurt eröffnet. Im Juni kommt Düsseldorf dazu, zum Jahresende Hamburg. Ähnliche Vertretungen gibt es auch in Oslo und in Rotterdam.
Die Nio-Häuser dienen nicht nur dem Verkauf von Autos. Der Fahrzeughersteller versteht seine Niederlassungen vielmehr als Ort der Kommunikation. Unternehmen können dort Meeting-Räume buchen, es gibt ein Café und eine Bibliothek. Alles zusammen soll den Bekanntheitsgrad der Marke Nio entscheidend steigern. „Das Konzept ist ein wesentlicher Baustein unserer Markenentwicklung“, sagte Christian Wiegand, Manager für Kundengewinnung in Deutschland.