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Morning BriefingDas Ende laxer Geldpolitik

Hans-Jürgen Jakobs 23.09.2021 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wer auf Marathon trainiert, kennt das Wort für die Reduzierung des Trainings unmittelbar vor dem Wettkampf: „Tapering“. Der Begriff macht jetzt im Finanzmarkt die Runde, denn damit ist auch die Drosselung expansiver Geldpolitik gemeint. Als „Tapering“-Tribun schlechthin fällt Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Federal Reserve, auf. Sie beließ jetzt den Leitzins in der Low-Level-Version von null bis 0,25 Prozent, stellte aber schon fürs kommende Jahr – nicht mehr wie bisher für 2023 – eine Erhöhung der Zinsen in Aussicht. Bis Mitte 2022 sollen die Anleihenkäufe eingestellt werden, noch in diesem Jahr werden sie voraussichtlich gedrosselt.

Zwar geht die Fed nun von 4,2 Prozent Inflation und nur noch 5,9 Prozent Wachstum in 2021 aus. Doch von „Ende oder Wende!“ der laxen Geldpolitik will die Wall Street aktuell nichts wissen: Die Kursverluste sind aktuell marginal. Man wartet auf die Verwirklichung, nicht auf die Ankündigung des „Taperings“.

Auf das Ende der schlimm-herrlichen Zeit des Discount-Zinses (schlimm für Sparer, herrlich für Schuldenstaaten) stimmt im Handelsblatt-Gastkommentar Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger ein. Er erinnert an Mario Draghi, einst Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), der mit seiner „Bazooka“ überreicher Geldversorgung den Euro-Staaten Zeit kaufte, die sie dann aber oft nicht überzeugend nutzten – etwa für Reformen der Arbeitsmärkte, bessere Bildung oder die Modernisierung der Verwaltung.

Bei einer Gesamtverschuldung der Euro-Länder von 103 Prozent der Wirtschaftsleistung kämen die heimischen Notenbanken angesichts der Powell-Politik „unter starken Handlungsdruck“.

Ob der neue „Dax 40“ so viel besser ist als der alte „Dax 30“, darf bezweifelt werden. Schließlich steuern gleich elf Werte weniger als ein Prozent zum Gesamtwert bei. Unverändert ist jedenfalls, dass die „Big Four“ der Wirtschaftsprüferkonzerne auch die größer gewordene Börsen-Veranstaltung ganz im Griff haben.

Immerhin hat sich die Reihenfolge ein wenig geändert. KPMG ist jetzt nicht mehr allein an der Spitze. Hatte die Firma schon 2016 genau 58 Prozent der heute im Dax präsenten Firmen vertreten, so kommt sie jetzt auf 35 Prozent – genauso wie PwC, das vor fünf Jahren nur 21 Prozent meldete. Die im Wirecard-Skandal blamierten Prüfer von EY schaffen 25 Prozent nach 18 Prozent. Sie blieben immerhin bei der Deutschen Bank im Geschäft. Der Kleinste im Bund, Deloitte, legt von drei auf fünf Prozent zu und dürfte weiter profitieren. Der Grund für die veränderten Marktanteile liegt in der nun gesetzlich alle zehn Jahre vorgeschriebenen Rotation.

Zu den Klassikern aphoristischer Kunst aus der politischen Mitte gehört eine Beobachtung von Otto Graf Lambsdorff: „Der Bundestag ist mal voller und mal leerer, aber immer voller Lehrer.“ Unternehmer sind hier eine rare Spezies, gerade mal 90 von 709 Abgeordneten sind selbständig. Wir porträtieren aus gegebenem Anlass drei Jungunternehmer, die ins Parlament drängen.

Foto: dpa
  • Verena Hubertz, 33, SPD, hat mit ihrer App „Kitchen Stories“ 21 Millionen Kunden sowie Bosch als Mehrheitsgesellschafter gewonnen. Als Frank-Walter Steinmeier 2009 Kanzlerkandidat war, verdiente sie 6,13 Euro pro Stunde bei Burger-King und dachte, Mindestlohn sei das Richtige. Nach dem damaligen SPD-Wahlflop ging sie in die Partei, „aus Frust, dass wir nichts hinbekommen“.
  • Michael König, 28, FDP, hat eine Physiotherapie-Praxis mit inzwischen 70 Mitarbeitern. Er wolle Menschen helfen, sich selbst zu verwirklichen, begründet er den Schulterschluss mit den Liberalen. „Ich komme aus der Mitte der Gesellschaft, ich weiß, was es bedeutet, viel zu arbeiten.“
  • Joe Chialo, 51, Musiker und Gründer des Musiklabels „Airforce 1 Music Group“, tritt für die CDU im Wahlkreis Spandau an. Im Bundestag will das Mitglied im Zukunftsteam von Unionskandidat Armin Laschet die Interessen selbständiger Musiker und anderer Kulturschaffender vertreten: „Ich möchte Themen abbilden, die im Bundestag nicht stattfinden, der Gesellschaft aber viel bedeuten.“

Kurt Tucholsky wies daraufhin, dass sich Erfahrungen nicht vererben: „Jeder muss sie allein machen“.

Der Mord an einem Tankstellenmitarbeiter in Idar-Oberstein, nur weil er einen Kunden zum Tragen einer Maske aufgefordert hatte, schockt noch immer die Nation. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bedauert in diesem Zusammenhang, dass er mit wichtigen Initiativen gegen Extremismus im Bundestag nicht durchkam – weil ihn die eigene Union ausbremste. In der „Süddeutschen Zeitung“ betont er, seit langem vor einer Verrohung der Gesellschaft gewarnt zu haben: "Wir verzeichnen hier eine Zunahme, ob im linksextremistischen, rechtsextremistischen, islamistischen oder antisemitischen Bereich. Aber keiner hat das aufgegriffen."

Gescheitert sind im Einzelnen ein „Wehrhafte-Demokratie"-Gesetz, der Versuch, das Wort „Rasse“ im Grundgesetz zu streichen sowie eine Verschärfung des Waffenrechts.

Lehrreich ist hier Mark Twain: „Ich habe bestimmt keine Rassen-, Standes- oder religiösen Vorurteile. Es genügt für mich zu wissen, jemand ist ein Mensch – schlimmer kann er nicht sein.“

Foto: AP

Und dann ist da noch die mexikanische Malerin Frida Kahlo, die es 67 Jahre nach ihrem Tod mit einem Bild schafft, Preisrekorde für den lateinamerikanischen Kunstmarkt zu erzielen. Mit 30 Millionen Dollar ist ihr Bild „Diego y yo“ („Diego und ich“) aus dem Jahr 1949 angesetzt, das vom Auktionshaus Sotheby’s später im Jahr verkauft wird.

Damit schlägt Kahlos Werk den bisherigen Spitzenwert für einen lateinamerikanischen Künstler – jene 9,8 Millionen Dollar, die sinnigerweise ein Bild ihres Ehemanns Diego Rivera erbrachte. Den Maler hat sie im jetzt zum Verkauf stehenden Bild verewigt. Ihr Porträt zu auktionieren, würdige die Erweiterung der modernen Malerei um Künstlerinnen, sagt Brooke Lampley von Sotheby‘s. Noch schöner ist eine Selbstwahrnehmung Frida Kahlos: „Ich male Blumen, damit sie nicht sterben.“

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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