Prüfers Kolumne: Ein Traum von einem Chef
Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.
Foto: HandelsblattIch träume manchmal von der Arbeit, und ich würde gerne wissen, was das zu bedeuten hat. In meinen Träumen habe ich immer etwas zu tun, komme aber damit nicht zurande, alles zerfließt mir ständig unter den Händen, und meine Chefs sind enttäuscht. Sie sagen das nicht, aber sie schauen auf eine gewisse Weise vorwurfsvoll, so, dass es mich stresst.
Ich finde das eher ungerecht, denn ich erledige in der Realität alle meine Sachen sehr gewissenhaft und bin stets pünktlich fertig. Ich habe wirklich ein Recht auf einen Feierabend, auch in meinen Träumen. Ich habe ein Recht darauf, von etwas zu träumen, was die Seele entspannt, mit Delfinen zu schwimmen oder so. Und nicht, dass ich irgendwelche Werte in Tabellen eintragen muss und die Buchstaben vor meinen Augen verschwimmen.
Ich habe versucht herauszufinden, was Chef-Träume bedeuten, aber es gibt keine seriöse Quelle dazu. Sigmund Freud hat ja einst angefangen, die Traumwelt psychoanalytisch zu deuten, aber es hat sich als nicht sehr fruchtbar erwiesen. In Freuds Analyse haben Träume stets mit unterdrückter Sexualität zu tun, und bei ihm träumen Menschen nicht vom Büro.
Auf Traumdeutungsseiten von zweifelhafter Seriosität fand ich die Deutung, die Person des Chefs im Traum könne für einen inneren Anteil der eigenen Persönlichkeit stehen, die sich mehr Macht im eigenen Leben wünscht. Demnach würde ein Teil von mir Chef über andere meiner Teile werden wollen. Dort stand auch: „Falls Sie häufig von Ihrem Chef träumen, bedeutet es vielleicht, dass Sie sich scheuen, Verantwortung zu übernehmen.“ Das wiederum würde ich als ziemliche Frechheit empfinden.
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Es gibt tatsächlich auch eine wissenschaftliche Traumforschung, aber die versucht eher herauszufinden, für was Träume überhaupt gut sind. Man vermutet, dass das Gehirn damit Alltagssituationen rekapituliert und versucht, sich auf künftige Situationen vorzubereiten. In der „Welt am Sonntag" habe ich gelesen, dass Wissenschaftler der Universitäten Toronto und Genf die Träume indigener und westlicher Personen verglichen haben.
In indigenen Völkern seien die Menschen wesentlich stärker auf die Gemeinschaft angewiesen, deshalb hätten die Träume sehr oft zum Inhalt, dass sie in bedrohliche Situationen geraten, etwa von einen Tier angegriffen würden, bis die Stammesangehörigen kommen und sie retten. Dagegen würden Träumer im Westen bei Angstträumen seltener davon träumen, dass gefährliche Situationen sich positiv auflösen. Vielleicht, weil wir nicht so sehr gesellschaftlich eingebunden sind.
In einer idealen Unternehmenskultur müsste man also davon träumen, dass man nicht weiß, wie man die Excel-Tabellen ausfüllt, und dann kämen die Kollegen und würden das für einen erledigen. Was für ein schöner Traum.
Ich hingegen habe kürzlich geträumt, ich käme nach der Arbeit zum Fahrradständer und mein Rad sei gestohlen worden und ich wäre gezwungen, ins Büro zurückzukehren. Dann wachte ich auf, beruhigt, dass mein Fahrrad noch da war. Das Aufwachen ist eigentlich das Schönste am Träumen.