Buchbesprechung: Simple Fragen über Kunst, die keiner zu stellen wagt
Hier hängt das Bild des Streetart-Künstlers zwischen dem Selbstbildnis mit roter Mütze aus der Werkstatt des Rembrandt Harmensz. van Rijn und einem Bildnispaar von Frans Hals. Das Museum freute sich über eine Verdopplung der Besucherzahlen.
Foto: Staatsgalerie StuttgartDüsseldorf. Die Kunstwelt ist von allen Sparten des Kulturbetriebs diejenige, die Außenstehende am meisten einschüchtert. „Schwellenangst“ nennen Kulturvermittler dieses Phänomen, das von einer Mischung aus Unverständnis und Faszination gespeist wird. Das Unverständnis betrifft besonders die zeitgenössische Kunst, die Neulingen durch hochtrabend-wolkigen Kuratorenjargon nicht verständlicher, sondern nur noch abweisender wirkt.
Faszination gepaart mit Bestürzung wiederum geht aus von den publikumsträchtigen Blockbuster-Shows der großen Museumstanker, den glamourösen Kunst-Messen, den schwindelerregenden Rekord-Preisen bei Auktionen und den kriminellen Machenschaften rund um das System Kunst. Was ist da eigentlich los?
Diese nur scheinbar naive Frage drängte sich dem Kunstkritiker Kolja Reichert auf, als er in der Staatsgalerie Stuttgart auf einem Podium saß, um ein Ausstellungs-Experiment zu diskutieren, bei dem das geschredderte Bild „Love is in the Bin“ des Streetart-Künstlers Banksy ein Jahr durch die Sammlung gewandert und neben Bildern von Rembrandt und Monet zu sehen war.
Von dem während einer Londoner Auktion beim Hammerschlag von einer Million Pfund zerstörten Bild „Mädchen mit Ballon“ wurden die Reste, mit den unten herausbaumelnden Streifen zu einer Medien-Ikone. Die Käuferin entschied, das zerstörte Bild zu behalten und gab ihm den neuen Titel. Unter diesem wurde das Schrott-Bild zum Publikumsmagneten, die Stuttgarter Staatsgalerie verzeichnete eine Verdopplung der Besucherzahlen.
Und in der Podiumsdiskussion prallte die Kritik Reicherts an dieser Fake-Aktion an breiter Front ab. Die Frage aus dem Saal „Wie elitär darf Kunst sein?“ wurde ihm zur Initialzündung, das Buch „Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst“ zu schreiben. Ein Buch, „das so einfach ist, dass bisher kein Experte darauf kam, es zu schreiben“, wie Reichert bemerkt.
Reichert ist Experte, aber vom üblichen Kunst-Sprech findet sich keine Spur in seinen klar und witzig formulierten 50 Kapiteln. Von spürbarer Emphase getragen beantworten diese grundsätzliche Fragen zur Kunst verblüffend klar. Sie bündeln aber auch erklärend aktuelle Ereignisse der Kunstwelt.
Mehrere Kapitel widmen sich etwa aktuellen Auswüchsen des Betriebs, wie Kapitel 26: „Wie verrückt ist der Kunstmarkt?“, in dem Reichert faktenreich den Mechanismen der Preisenthemmung nachgeht und sie zugleich entzaubert.
„Der Kunstmarkt ist Opfer der sich immer dramatischer zuspitzenden Vermögensverteilung“, stellt Reichert fest. Er beglaubigt diese Erkenntnis an der dubiosen Geschichte des bislang teuersten Kunstwerks aller Zeiten, des angeblich von Leonardo gemalten „Salvator Mundi“, das 2017 für 450 Millionen Dollar in einer New Yorker Auktion in den Besitz des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman überging und seither nicht mehr gesehen ward.
Das folgende Kapitel 27: „Wie kriminell ist der Kunstmarkt?“ ist fast noch amüsanter. Es erzählt unter anderem, wie der französische Kunstspediteur Yves Bouvier den russischen Milliardär Dmitri Rybolowlew übers Ohr haute, sodass er „zum am stärksten übervorteilten Menschen der Kunstgeschichte“ wurde.
Auch das Handelsblatt hat darüber oft berichtet. Bislang hat Rybolowlew alle Prozesse gegen Bouvier verloren. Wie in einem Krimi beschreibt Reichart weiter, wie Bouvier mit der Errichtung seiner Zollfreilager ein eigenes System von Orten schuf, die wertvollste Kunst vor staatlichem Zugriff und Steuern schützen. Die Kriminalität habe es auf dem Kunstmarkt leichter, „weil er unter allen legalen Märkten noch immer der am schwächsten regulierte ist“, resümiert Reichert.
Kunst vergrößert unsere Souveränität
Neben diesen erhellenden Passagen ist Reicherts Buch aber vor allem eine Ermutigung, sich an der Kunstwelt und ihren Diskursen aktiv zu beteiligen. Dabei geht es Reichert aber keineswegs darum, die Kunst selbst zu vereinfachen oder dem subjektiven „Bauch“-Gefühl zu überlassen. Im Gegenteil, er plädiert für die intensive Beschäftigung mit Kriterien, die jeden dazu ermächtigen, Kunst selbst zu beurteilen (Kap. 34 „Wie erkennt man ein Kunstwerk?“).
Und Reichert gibt auch zu, dass diese Beschäftigung Mühe bereiten kann, oder sogar muss. Denn: „Es hilft uns, mit Menschen oder Dingen umzugehen, die uns erst fremd erscheinen, es hilft uns dabei, uns auf sie einzulassen, also ein Leben zu führen, das nicht von Angst bestimmt ist, sondern von Neugierde. Es vergrößert unsere Freiheit, unsere Souveränität und unsere Großzügigkeit.“
Fazit: ein kluges, faktenreiches Buch, leicht zu lesen und inspirierend.