Index-Fonds-Chef von Blackrock: „Der große Stresstest ist bestanden: Das ETF-Kapital wird sich in drei Jahren verdoppeln“
Der Kanadier leitet die Indexfonds-Abteilung bei Blackrock.
Foto: ReutersFrankfurt. Der Topmanager ist in Deutschland kaum bekannt, dabei spielt er beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock eine Schlüsselrolle. Salim Ramji verantwortet den Bereich Indexfonds, der 4,6 Billionen Euro verwaltet.
Damit ist Blackrock in diesem boomenden Geschäft der Weltmarktführer. Die Produkte erlebten mit den Marktturbulenzen während der Coronakrise ihren bislang härtesten Belastungstest. Vor allem Teile des Anleihemarktes trockneten aus. Das brachte auch die entsprechenden börsengehandelten Indexfonds (ETFs) in Schwierigkeiten. Heute spricht Ramji im Interview mit dem Handelsblatt von einem bestandenen Stresstest.
Auch deshalb sagt der Kanadier im Interview mit dem Handelsblatt eine Fortsetzung des Wachstums im ETF-Geschäft voraus. Weltweit rechnet er mit einer Verdopplung des Kapitals auf zwölf Billionen Dollar.
Eine Verdopplung erwartet Ramji ebenfalls in Europa und hält hier ein Volumen von rund zwei Billionen Euro für möglich. Außerdem wird das Thema Nachhaltigkeit seiner Meinung nach das Wachstum der Indexfonds antreiben.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr Ramji, die Kapitalmärkte haben von Ende Februar bis Anfang April den schnellsten Kollaps aller Zeiten erlebt, anschließend die schnellste Erholung. Was bedeuten die historisch einmaligen Ereignisse für die Branche der Vermögensverwalter?
Der Corona-Effekt hat viele Trends verstärkt, die wir vorher schon im Vorjahr beobachtet hatten. Und alles geht von den Investoren aus. Die wollen nach dem Schock noch mehr Transparenz, noch geringere Gebühren, noch einfachere Strategien. Was die Märkte angeht: Das Kurs-Desaster im März war bei den Anleihen noch größer als bei den Aktien. Die Bond-Märkte waren zwischenzeitlich komplett eingefroren. Wir haben aber auch gesehen, dass die Märkte besser mit dem Stress umgehen konnten als in den Krisen zuvor.
Dieser Stress muss Sie als Blackrock-Chef für die Indexfonds doch extrem beunruhigt haben.
In der Tat haben die Bond-ETFs den größten Stress aller Zeiten erlebt, definitiv seit der Finanzkrise. Die Liquidität in einigen Basismärkten wie Firmentiteln trocknete aus. Einzelne Anleihen wurden schlicht nicht gehandelt, sodass es gar keine Preise gab. In den USA wurde sogar der Handel vorübergehend unterbrochen.
Wie schlug das auf die Bond-ETFs durch?
Weil der Markt für Anleihen teilweise eingefroren war, wichen die Investoren auf ETFs aus. Ein Beispiel: Am 12. März wurde unser ETF für US-Unternehmensanleihen über 90.000 Mal gehandelt. Dagegen wechselten die fünf größten Einzeltitel im Index im Schnitt nur rund 37 Mal den Besitzer.
Also, während der Handel mit Einzelanleihen schwierig war, ging es mit ETFs immer noch. Dann sicher mit Preisabschlägen ...
Ja, aber diese Preisabschläge waren dann geringer als bei den Einzeltiteln – natürlich unter der Voraussetzung, dass die Einzeltitel überhaupt gehandelt wurden. Die Abschläge zeigten Anlegern in Echtzeit, wo die wirklichen Kurse liegen. Die Spreads, also die Unterschiede zwischen einem möglichem Verkaufskurs eines Anlegers und dem möglichen Kaufkurs eines anderen Anlegers waren teilweise extrem. Diese Kurse zeigten, wie der Anleihemarkt die zugrundeliegenden Anleihen damals gepreist hat.
Per Saldo haben sich die Bond-ETFs also nach Ihrer Meinung in Stressphasen bewährt?
Ja, weil die Anleger grundsätzlich handeln konnten, weil es hier Preise gab. Und weil es für sie preiswerter war, als wenn sie Orders mit Einzeltiteln abgewickelt hätten. Das galt sogar für das liquideste Anleihesegment, die US-Staatsanleihen. Auf Jahressicht sind Anleihe-ETFs um 30 Prozent gewachsen. Mittlerweile liegt das verwaltete Vermögen auf dem Rekordniveau von 1,3 Billionen Dollar.
Es gab häufiger Kritik an diesen Produkten, etwa durch den Großinvestor Carl Icahn. Icahn warnte vor Risiken, wenn Investoren in großem Umfang ihre Anteile verkaufen wollten. Dann bestehe die Gefahr einer Abwärtsspirale an den Bondmärkten ...
Jetzt haben wir wohl den größten denkbaren Stress erlebt – und wir haben den Test bestanden. ETFs sind nur eine Möglichkeit für Anleger, ihre Marktmeinung umzusetzen. Wenn es keine ETFs gäbe, würden sie andere Instrumente wie Einzelaktien, aktive Fonds oder Derivate nutzen.
Aber Icahn ist nicht der einzige Kritiker der vor Gefahren durch Indexfonds warnt.
Einige unabhängige Adressen untersuchten bereits vor zwei Jahren diese Frage, etwa die Bundesbank. Das Ergebnis: ETFs verbessern die Liquidität. Die britische Notenbank hat das Thema kürzlich mit Blick auf die jüngsten Marktverwerfungen untersucht und kommt zu einem ähnlichen Schluss. In den Stresszeiten haben auch aktive Manager verstärkt auf ETFs zurückgegriffen. Der Großteil der Zuflüsse in unsere Bond-ETFs im zweiten Quartal stammte von institutionellen Anlegern wie Pensionskassen, aktiven Managern und Versicherern.
Erst im Mai veröffentlichte die Bank von England ihren Stabilitätsreport, in dem die Indexfonds zumindest teilweise gut weg kommen ...
Ja, dort heißt es: „Angesichts der relativen Liquidität von ETF-Anteilen im Vergleich zum Markt für Unternehmensanleihen erfolgte die Preisfindung häufig über die ETFs und nicht über die ihnen zugrundeliegenden Wertpapiere.“ Zudem mache der Börsenhandel eine Abwärtsspirale an den Basismärkten weniger wahrscheinlich. In der Tat wechseln bei einem Großteil der ETF-Geschäfte nur die Fondsanteile die Besitzer, dabei werden die Basismärkte also kaum berührt.
Aber die Bank von England spricht auch von möglichen Risiken, wenn sich die ETFs auf wenig liquide Märkte beziehen.
Ich würde auch hier noch einmal sagen: Der große Stresstest ist bestanden. Der Anleger haben mit den Füßen abgestimmt. Natürlich ist ein ETF den gleichen Markt- und Bonitätsrisiken ausgesetzt wie die zugrundeliegenden Wertpapiere. Deshalb sind wir darauf bedacht, die Qualität und Integrität unserer Angebote aufrechtzuerhalten.
Ende März kündigte die US-Notenbank Fed auch den Kauf von Unternehmensanleihen und entsprechenden ETFs an und beruhigte so die Märkte. Blackrock wickelt dieses Kaufprogramm der Fed ab. Birgt dies keine Interessenkonflikte, wenn Sie in diesem Rahmen Ihre eigenen ETFs erwerben müssen?
Blackrock handelt hier als Treuhänder der Fed und wir führen dieses Mandat nach dem alleinigem Ermessen der Notenbank und im Einklang mit deren detaillierten und transparenten Anlagerichtlinien aus. Dazu gehört auch die Rückbuchung unserer ETF-Gebühren. Ich bin nicht in dieses Mandat eingebunden, vermute allerdings, dass die Fed ETFs aus den gleichen Gründen wie andere Institutionen nutzt, also wegen der Transparenz, Preiseffizienz und des besseren Zugangs zu den Anleihemärkten.
Ein Großteil des ETF-Kapitals ist auf die bekannten Aktienindizes konzentriert. Indexfonds für Anleihe-Indizes existieren erst seit einigen Jahren, warum wächst dieses Geschäft so viel langsamer?
Wir brachten den ersten Anleihe-ETF vor 18 Jahren auf den Markt und dennoch steckt das Geschäft noch in den Kinderschuhen. Man darf außerdem nicht vergessen, dass die Anleihemärkte weitaus größer und weniger transparent sind als die Aktienmärkte. Aus diesen beiden Gründen erwarten wir bei Anleihe-ETFs noch größere Wachstumsraten als auf der Aktienseite. Im vergangenen Jahr haben sie die Marke von einer Billion Dollar verwaltetem Kapital überschritten. Bis 2024 dürfte sich das Volumen verdoppeln.
Reden wir über den gesamten ETF-Markt. In sieben Jahren hat sich das Kapital der Indexfonds mehr als vervierfacht und ist auf fast 6,3 Billionen Dollar gestiegen. Der Boom scheint ungebrochen. Wo ist das Limit?
Wenn es eins gibt, dann ist es weit weg. ETFs haben immer noch nur einen kleinen Anteil an den Gesamtmärkten. Auf sie entfallen etwa zehn Prozent des gesamten Aktienkapitals. An den Anleihemärkten liegt die Quote sogar unter zwei Prozent. Anders gesagt: Das ETF-Kapital kann sich locker verdoppeln, verdreifachen, vervielfachen …
An welche Größenordnungen denken Sie?
In drei Jahren wird sich das Volumen unserer Meinung nach fast verdoppeln und zwölf Billionen Dollar erreichen. Europa muss man separat anschauen, weil dort das ETF-Geschäft erst vor zwei Jahrzehnten startete. Hier kommt der Markt auf rund eine Billion Euro. Wir rechnen in den nächsten drei bis vier Jahren mit einem sehr starken Wachstum auf fast zwei Billionen Euro.
Das Geschäft würde also in Europa etwas stärker wachsen als weltweit …
Weil der Markt jünger ist, damit mehr Potenzial hat, und es besondere Treiber gibt. Vor allem Privatanleger werden stärker ETFs kaufen und damit auch Sparpläne etwa für die Altersvorsorge abschließen.
Ein Grund für den Boom sind die Kosten: Aktiv verwaltete Aktienfonds verlangen oft Jahresgebühren von bis zu zwei Prozent, während ETFs nach Rechnung von Morningstar im Schnitt für 0,35 Prozent zu haben sind.
Seit zwei Jahren gelten Beratervorgaben im Euro-Land, Stichwort Mifid II, die für Finanzprodukte unter anderem die echten Kosten nennen und Transparenz beim Produktvergleich liefern. Und da haben ETFs mit klarer Durchschau auf die Zusammensetzung und ihre geringen Gebühren natürlich Vorteile.
Blackrock ist weltweit und in Europa der größte ETF-Anbieter, aber Vanguard, Ihr großer Konkurrent in den USA, ist Ihnen auf den Fersen. Wenn Vanguard weiter so schnell wächst, könnte Blackrock bald auf Rang zwei abrutschen.
Ich verbringe 99 Prozent meiner Zeit mit unseren Kunden. Das ist das Wichtigste für unseren Erfolg, und deshalb mache ich mir da keine Sorgen. Wir hatten im vergangenen Jahr Rekordzuflüsse in unsere ETFs und sind auch dieses Jahr auf einem sehr guten Weg.
Und wenn Sie nur noch Nummer zwei wären?
Wir hatten beispielsweise in Europa früher einen Marktanteil von 50 Prozent, jetzt sind wir bei etwas über 40 Prozent. Das ist aber zweitrangig. Solange der Gesamtmarkt weiter wächst, spiegelt das ja die wachsende Anlegernachfrage wider. Und das nutzt uns.
Bei all den Chancen die Sie sehen, muss es doch auch Risiken geben. Wo liegen die größten Gefahren für die Branche? Im Gegensatz zu den USA ist der Börsenhandel in Europa fragmentiert. Daher wird die Liquidität über die verschiedenen Plätze verteilt. Das ist eher schlecht für das Geschäft, weil ETFs dadurch weniger liquide aussehen können als sie tatsächlich sind. Außerdem braucht Europa technische Infrastrukturen im gesamten Handelsablauf für ETFs, die für das prognostizierte Wachstum gewappnet sind.
Welche strategischen Ziele verfolgen Sie für die nächsten Jahre?
Wir wollen allen Investoren den Einsatz der Indexfonds als Bausteine noch schmackhafter machen. Schon jetzt steckt ein Drittel unseres ETF-Kapitals in besonders preiswerten Produkten für populäre Indizes wie den S&P 500. Genau die bieten sich als Bausteine für Verwalter an.
Stichwort Nachhaltiges Investieren: Sind Sie überrascht, welche Dynamik das Thema gewonnen hat?
In gewisser Weise ja. Es ist ein klarer Trend mit steigender Nachfrage von Anlegern. Die Coronakrise wirkt als Verstärker: Sie zeigt, wie wichtig nachhaltiges Denken ist. Weltweit stecken in nachhaltigen Indexfonds 220 Milliarden Dollar. Wir werden noch in dieser Dekade 1,2 Billionen Dollar erreichen.
Blackrock-Chef Larry Fink machte mit einem Brief an große Unternehmen von sich reden. Er drängt sie zum klimafreundlichen Umbau der Geschäftsmodelle …
Das ist unsere Verantwortung als Vermögensverwalter. Unsere Kunden wollen wissen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf ihre Portfolios hat. Klimarisiken sind Investitionsrisiken.
Kritiker werfen ihm ‚Greenwashing‘ vor. Danach will Fink öffentlich mit reiner Weste dastehen. Dabei ist Blackrock weiterhin in großem Umfang in klimagefährlichen Branchen wie Kohle und Öl investiert …
Wir wollen unseren Kunden mehr nachhaltige Fonds anbieten, um ihren Bedürfnissen zu entsprechen. Dazu haben wir uns verpflichtet. Wir arbeiten mit den großen Indexanbietern zusammen, um nachhaltige Alternativen zu deren wichtigsten Angeboten zu entwickeln. Unsere Anleger entscheiden dann über die Indizes, in die sie investieren. Unsere treuhänderische Pflicht ist es dann, uns exakt an die gewählte Indexzusammensetzung zu halten.
Führen Sie privat ein nachhaltiges Leben? Fahren Sie beispielsweise ein Elektroauto?
Ich strebe möglichst nachhaltige Entscheidungen an, das reicht von der Fortbewegung im Alltag bis hin zu meinen Investments.
Wenn Sie mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg einige Worte wechseln könnten: Was würden Sie ihr sagen?
Mach‘ weiter so.