Morning Briefing Plus: Megafon der Interessen
Liebe Leserinnen und Leser,
willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Tage. Und zu denen kommen wir gleich, dafür muss ich aber kurz ausholen.
Die „Washington Post“ war einer der Gründe, warum ich Journalist geworden bin. Mich hat der Mut dieser Redaktion fasziniert, ihr Wille, unangenehme Fragen zu stellen, und ihre Bereitschaft, mit einer einzigen Recherche ihre Existenz aufs Spiel zu setzen – immer auf der Suche nach der Wahrheit.
Ich erinnere mich noch, wie ich kurz nach meinem Abitur die Biografie der „Washington Post“-Verlegerin Katharine Graham verschlang, unter der aus dem einstigen Lokalblatt eine weltweit bewunderte Redaktion wurde. Wegen großer Enthüllungen wie des Watergate-Skandals schaffte es die „Post“ schließlich auf Augenhöhe mit der „New York Times“.
Es spricht einiges dafür, dass diese Geschichte nun endet. 2013 kaufte Amazon-Gründer Jeff Bezos die Zeitung. Er modernisierte die Redaktion, investierte in Technologie und renommierte Reporter, und ich dachte einige Jahre: Vielleicht ist Bezos das, was die „Washington Post“ braucht: eine Art moderner Verleger.
Doch vor der letzten US-Präsidentschaftswahl stoppte Bezos die traditionelle Wahlempfehlung der „Post“, weil sich die Redaktion für Kamala Harris ausgesprochen hatte.
Und diese Woche nun veröffentlichte er auf der Social-Media-Plattform X ein Statement, das ein weiterer Kniefall des Tech-Milliardärs vor Donald Trump ist: Die Redaktion solle auf ihren Meinungsseiten künftig nur noch „persönliche Freiheiten“ und „freie Märkte“ verteidigen, so Bezos.
Nun hat jeder Verleger das Recht, einer Redaktion einen inhaltlichen Rahmen zu geben. Doch Bezos geht weiter: „Gegensätzliche Standpunkte überlassen wir der Veröffentlichung durch andere“, schreibt er. Eine drakonische Vorgabe: Sie zeigt, wo Journalismus endet – und wo Aktivismus beginnt.
Natürlich sollte ein Meinungsressort zeigen, wie in einer Redaktion gedacht wird. Viel mehr sollten Meinungsbeiträge aber ein Wechselspiel unterschiedlichster Haltungen sein, damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich Ihre eigene Meinung bilden können. Deshalb beschäftigt das Handelsblatt zahlreiche Kolumnistinnen und Kolumnisten aus verschiedensten politischen Lagern. Und deshalb laden wir auch kluge Köpfe ein, Gastbeiträge für uns zu schreiben.
Wer dieses Forum bekommt und wie wir Ereignisse kommentieren, welche Recherchen wir anschieben und wie groß wir sie am Ende machen, entscheidet beim Handelsblatt allein die Redaktion.
Aber Jeff Bezos geht es nicht um eine unabhängige Redaktion. Für ihn ist die „Washington Post“ nur ein politisches Instrument, um bei Donald Trump wohlgelitten zu sein. Bezos Unternehmen bekommen von der Regierung Milliardenaufträge. Eine selbstbewusste, unabhängige Redaktion stört da nur. Er sieht sie eher als ein Megafon seiner eigenen Interessen.
Die Aufgabe von Journalismus ist es, wirtschaftliche und politische Macht zu kontrollieren. Genau das aber verachten die neuen Eliten rund um Donald Trump.
„Post“-Reporter versichern, sie hätten bislang keinen inhaltlichen Einfluss des Milliardärs gespürt. Aber hätte die Redaktion immer noch den Mut, eine Recherche zu veröffentlichen, die die US-Regierung stürzen könnte? Ich glaube nicht.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Eigentlich hätte Wolodymyr Selenskyj bei seinem Besuch im Weißen Haus bei Donald Trump den lang verhandelten Rohstoff-Deal unterzeichnen sollen, doch es kam anders. Das Treffen zwischen dem Präsidenten der Ukraine und dem US-Präsidenten endete in einem Eklat. Welche Nachricht das an Russland sendet und was das für die europäischen Staaten bedeutet, hat Moritz Koch hier aufgeschrieben.
2. Meine Berliner Kollegen hatten diese Woche als Erste den Entwurf des besagten Rohstoffabkommens zwischen den USA und der Ukraine: Trump will sich Zugang zu seltenen Erden, Öl und Gas verschaffen. Kurz darauf wurden die Informationen offiziell bestätigt. Gestern trafen sich Trump und Selenskyj, um das Abkommen zu unterzeichnen. Noch vor einigen Tagen nannte Trump ihn einen „Diktator ohne Wahlen“. Daran will er sich nun nicht mehr erinnern. Das ist politische Amnesie in Rekordzeit. Das Ergebnis des Treffens war allerdings kein unterzeichnetes Abkommen, sondern ein abgebrochenes Gespräch.
3. Es ist eine komplizierte Welt, die Friedrich Merz da erbt, es ist die Welt, an der Olaf Scholz als Kanzler gescheitert ist. Die Bundesrepublik steckt nicht nur ökonomisch in der größten Krise ihrer Geschichte, sondern auch sicherheitspolitisch. Wie ihm die Wende gelingen kann, das beschreibt unser großer Report zum Wochenende. Und wie kann Merz verhindern, dass er am Ende dasteht wie Olaf Scholz? Merz sollte vor allem aus den Fehlern des scheidenden Kanzlers lernen, argumentiere ich in meiner Freitags-Kolumne.
4. Nach dem Kanzleramt gilt das Finanzministerium als das Schlüsselressort in der Regierung. Welche Kandidaten haben die besten Chancen auf das Amt? Meine Kollegen aus dem Berliner Büro haben sich umgehört.
5. Es ist ein düsterer Blick auf die Zukunft. Wir sehen weltweit „Entwicklungen, die an die Frühphase von Bürgerkriegen erinnern, ähnlich wie in den 1930er-Jahren“, sagt Ray Dalio, der Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater, im Interview mit Astrid Dörner und mir. Und wenn Dalio so etwas sagt, dann sollte man ihm zuhören. Er ist einer der schärfsten Denker und interessiert sich für Entwicklungen weit über die Finanzindustrie hinaus. Auf die Finanzmärkte sieht er schwierige Zeiten zukommen, denn die würden laut Dalio schon bald von einer weltweiten Schuldenkrise erschüttert. Seine Prognose: „Die USA könnten in etwa drei Jahren pleite sein.“
6. Fassungslos haben die Europäer verfolgt, wie die Amerikaner in den vergangenen Wochen das transatlantische Verhältnis zertrümmerten. Doch nun tut sich etwas. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verkündete diese Woche einen bemerkenswerten Richtungswechsel: Die EU plant ein europäisches Sondervermögen für eine gemeinsame Aufrüstung. Sie denkt an Luftverteidigung, Drohnen und militärische KI. Wie es jetzt weitergeht, berichtet Brüssel-Korrespondent Jakob Hanke Vela.
7. Für ihre Sicherheit werden sich die Länder der EU massiv verschulden müssen. Darauf stellen sich die Investoren längst ein. Zuletzt notierte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe so stark wie noch nie über dem Swap-Satz, also dem Preis, zu dem Investoren feste gegen variable Zinszahlungen tauschen. An den Märkten wird das als Misstrauensvotum gegenüber Bundesanleihen interpretiert. Experten werten das als „Warnsignal“. Alles, was Sie dazu wissen müssen, lesen Sie hier.
8. Elon Musk und die Kettensäge: Unser US-Team hat Anfang der Woche eine bemerkenswerte Recherche veröffentlicht. Es hat exklusive Einblicke in das staatliche Effizienzprogramm von Elon Musk erhalten. Insider hatten dem Team erklärt, wie die Clique junger Coder die Regierung umbaut. Meine Kollegen analysieren, was das für die USA bedeutet.
9. Die Methoden von Audi-Chef Gernot Döllner sind verglichen mit Musk eher konventioneller Art. Und dennoch stehen bei Audi massive Sparmaßnahmen bevor, wie unser Autoteam berichtet. Er plant harte Einschnitte bei Material- und Personalkosten. Insgesamt sollen bis 2030 bis zu acht Milliarden Euro eingespart werden.
10. Mein Kollege Felix Holtermann ist nun seit sechs Monaten im Silicon Valley und hat einen wunderbaren Essay über die Veränderungen in dem Hightech-Tal geschrieben. Das Valley hat sich in kürzester Zeit von einem demokratischen Ort zu einem Spielplatz einer autoritär denkenden Elite gewandelt. Die Tech-Bosse wittern Morgenluft für bizarrste Ideen, sie träumen von Kolonien auf dem Mars und eingefrorenen Embryos, während unten, im Maschinenraum, die Angst vor Jobverlust und politischer Willkür wächst.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Herzlichst,
Ihr Sebastian Matthes