Weekend-Briefing: Impfmüdigkeit, Allianz droht Milliardenrisiko, 50 Tech-Frauen: Der Wochenrückblick der stellvertretenden Chefredakteurin
Guten Morgen allerseits,
in Deutschland macht sich die Impfmüdigkeit breit. Zwischen März und Mitte Juli erhielten pro Tag meist deutlich mehr als 100.000 Menschen in Deutschland ihre erste Impfung, teilweise sogar mehr als 500.000. Der Rekord lag bei fast 1,1 Millionen am 12. März. Am 1. August waren es dagegen nur noch 32.500, wie die Grafik unten zeigt.
Eine allgemeine Impfpflicht ist nicht vermittelbar – und so überlegt die Politik angestrengt, wie sie das Impftempo anderweitig erhöhen kann. Im Fokus stehen drei Hebel:
- Die Gesundheitsminister aus Bund und Ländern haben beschlossen, den Zwölf- bis 17-Jährigen mehr Impfangebote zu machen, zum Beispiel in Impfzentren. Die Ständige Impfkommission hält dem politischen Druck jedoch bislang stand. Sie empfiehlt nach wie vor eine Impfung von Kindern und Jugendlichen in diesem Alter nur bei Vorerkrankung, oder wenn sie mit gefährdeten Familienmitgliedern zusammenleben. Eltern sind verunsichert, Ärzte sind zurückhaltend. Man kann es ihnen nicht übel nehmen.
- Bratwurst, Burger, Bier – damit versuchen manche Behörden den Bürgern die Impfung schmackhaft zu machen. Auch über Impflotterien wird nachgedacht. Das von Verhaltensökonomen genannte „Nudging“ ist keine schlechte Idee, schließlich reagiert der Mensch gemeinhin auf Anreize. Die Dynamik dürfte sich aber in Grenzen halten. Ökonomin Nora Szech vom Corona-Experten-Kreis der Helmholtz-Gemeinschaft plädiert dagegen für Geld. „Das ifo-Institut schätzt den Wert der Impfung auf 1.500 Euro, da können wir den Leuten ruhig 500 Euro von abgeben“, findet sie. Der Staat, der es bezahlen müsste, sieht das wahrscheinlich anders.
- Bleiben Privilegien für Geimpfte. Während in Deutschland noch darüber nachgedacht wird, sind sie in vielen anderen Ländern schon Realität. In New York zum Beispiel müssen Restaurants, Bars und Fitnessstudios Impfausweise kontrollieren. „Wenn Sie voll am gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen, dann müssen Sie sich impfen lassen“, stellte New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio klar. Am Dienstag gibt es die nächste Bund-Länder-Runde mit der Kanzlerin, dann wird das Thema sicher auf den Tisch kommen. Letztlich geht es darum, zu klären, ob Geimpfte künftig mehr Rechte haben als Ungeimpfte und – wenn ja – welche. Eine heikle Abwägung.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat
1. Raoul Roßmann, Chef der Rossmann-Drogeriekette, sorgte zu Beginn der Woche für Aufruhr. Im Handelsblatt-Interview forderte er eine Sondersteuer für Online-Einkäufe, entweder über eine Paketsteuer oder eine höhere Mehrwertsteuer für Amazon und Co. Der Vorstoß wird skeptisch gesehen, selbst der Handelsverband HDE lässt Roßmann abblitzen. Auch mein Kollege Christoph Schlautmann meint, dass Roßmann damit einer unseligen Tradition im Einzelhandel folgt – nämlich der Forderung nach dem Eingriff des Staates, um die eigene Rendite zu sichern.
2. Am Montag schockte die Allianz ihre Anleger. Dem erfolgsverwöhnten Versicherer droht ein milliardenschweres Rechtsrisiko in den USA. Nach der Börsenaufsicht SEC hat dort nun auch das Justizministerium die Ermittlungen rund um Hedgefondsprodukte der Tochter Allianz Global Investors (AGI) aufgenommen. Der Aktienkurs brach zeitweise um mehr als neun Prozent ein. Nach anfänglichem Zögern kündigte Allianz-Chef Oliver Bäte am Freitag doch eine Rückstellung an. Der Gesamtschaden kann bis zu sechs Milliarden Dollar betragen. Der operative Gewinn eines halben Geschäftsjahres, der nach am Freitag veröffentlichten Zahlen bei 6,7 Milliarden Euro lag, wäre damit fast aufgezehrt.
3. Aller guten Dinge sind drei, heißt es im Volksmund. Ob das auch für Vonovia gilt, muss sich noch zeigen. Nach der jüngst gescheiterten Offerte Nr. 2 wagt der Immobilienkonzern nun den dritten Anlauf zur Übernahme der Deutschen Wohnen. Die Bafin hat grünes Licht gegeben, auch Vonovia-Chef Rolf Buch ist ungebrochen zuversichtlich – zumal das Angebot aufgestockt wurde. Aktionärsschützer Marc Tüngler glaubt ebenfalls, dass das Angebot wohl erfolgreich sein werde, „nachdem man nun den Hedgefonds und zögerlichen Investoren genauer zugehört hat“.
4. Die Grünen wollen nach der Bundestagswahl mit einem Sofortprogramm den Weg zur Klimaneutralität ebnen. Die Pläne, die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Co-Parteichef Robert Habeck mitten im Grünen vorstellten, muteten der Wirtschaft viel zu, lieferten aber nur wenig Unterstützung, kritisierte der Industrieverband BDI. Verfassungsrechtler halten das geplante Vetorecht für ein Klimaschutzministerium für nicht praktikabel. Und mein Kollege Klaus Stratmann hält das Programm für „taktisch klug, aber unehrlich“.
5. Die Pandemie hat die Sozialausgaben in die Höhe getrieben – und bis 2025 werden sie weiter kräftig zulegen. Das offenbaren der aktuelle Sozialbericht der Regierung sowie die Grafik unten. 2019 hatten die Sozialausgaben erstmals die Billionengrenze überschritten und sind 2020 weiter auf gut 1,1 Billionen Euro gestiegen. Das entspricht fast einem Drittel der Wirtschaftsleistung. 2025 wird mit einem Anstieg auf knapp 1,3 Billionen Euro gerechnet. Das bereitet Ökonomen Sorgen.
6. Nach Jahrzehnten liegt die Dieselrate in Deutschland erstmals wieder unter der wichtigen 20-Prozent-Marke. Nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes ist der Anteil der Diesel-Neuzulassungen im Juni auf 19,9 Prozent gefallen. Wenn es nicht die vielen Diesel-Dienstwagen gäbe, wäre der Absturz noch viel deutlicher gewesen. Aufzuhalten ist er perspektivisch nicht, der Diesel ist im freien Fall. Die Autoindustrie hat sich schon auf das beschleunigte Ende eingestellt.
7. Ob Siemens, Deutsche Post oder Adidas: Zahlreiche Dax-Konzerne haben zum Ende der Woche ihre Halbjahreszahlen veröffentlicht – und ihre Prognose für das Gesamtjahr angehoben. Ökonomen werten das als positives Signal für die Konjunktur in Deutschland. „Die guten Geschäftszahlen und Auftragseingänge zeigen, dass der erwartete selbsttragende Aufschwung eingesetzt hat“, macht Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Hoffnung.
8. Mitte Juni sagte Murat Aksel, Einkaufsvorstand des Volkswagen-Konzerns, im Handelsblatt-Interview, er sehe den Tiefpunkt in der Versorgungskrise mit Chips erreicht. „Im dritten Quartal sollten wir das Schlimmste hinter uns haben.“ Nun ist klar: Der Chipmangel verschärft sich wieder. Und Besserung ist laut Reinhard Ploss, Chef vom weltgrößten Autochiphersteller Infineon, nicht in Sicht. Die Lieferengpässe würden sich „weit ins kommende Jahr hinein ziehen“. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute hat mein Kollege Stefan Menzel: Seiner Meinung nach ist der Chipmangel auch eine Chance für die Autohersteller.
9. In unserer Wochenendausgabe schlägt die Stunde der Frauen – genauer gesagt der 50 Frauen, die Deutschlands Tech-Branche prägen. Wir stellen 50 Starthelferinnen, Managerinnen, Start-up-Gründerinnen und Geldgeberinnen vor. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie ermutigen andere Frauen. Das ist gut so, denn dieses Kollektiv kluger weiblicher Köpfe kann leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Tech-Branche auch in Deutschland ein Frauenproblem hat.
Dabei hat sich bei der Recherche meiner Kollegen gezeigt, dass viele erfolgreiche Tech-Frauen Quereinsteigerinnen sind – also Juristinnen, Bankerinnen, Soziologinnen. Ein Hinweis darauf, dass der Talentpool der Tech-Branche möglicherweise viel größer ist als angenommen. Schauen Sie sich doch mal genauer in den eigenen (Unternehmens-)Reihen um! Vielleicht gibt es ja die eine oder andere Kandidatin.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende,
Herzlichst
Ihre
Kirsten Ludowig
Stellvertretende Chefredakteurin Handelsblatt
Das Morning Briefing plus können Sie im Rahmen Ihres Handelsblatt-Digitalabonnements kostenfrei erhalten oder hier separat abonnieren.