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Report Der Start des SpaceX-Raumschiffs lässt die USA von neuer Größe träumen

Erstmals sind US-Astronauten mit einem Raumschiff von SpaceX ins All gestartet. Ein Triumph für den Multi-Unternehmer Elon Musk – und ein symbolischer Moment für die USA.
30.05.2020 Update: 31.05.2020 - 00:50 Uhr Kommentieren
Die USA schicken seit neun Jahren erstmals wieder Astronauten zur ISS. Quelle: AP
Start der SpaceX-Rakete

Die USA schicken seit neun Jahren erstmals wieder Astronauten zur ISS.

(Foto: AP)

Cape Canaveral, Washington Es gibt Tage, an denen wirkt das Kennedy Space Center, als wäre es der düsteren Phantasie eines Science-Fiction-Autors entsprungen. Dann simmert das 400.000 Fußballfelder große Sumpfland an Floridas Atlantikküste unter einer dunstigen Tropensonne. In den Entwässerungsgräben lauern Alligatoren, und die leeren Startrampen ragen in den Himmel wie die Minarette einer versunkenen Zivilisation, die nur zu einem Gott betete: dem Fortschritt. So sah es hier in den vergangenen Jahren meistens aus.

Und es gibt diesen Samstag. Um halb drei Uhr nachmittags (Ortszeit) setzt die Air Force One auf der Landebahn des Space Centers auf, der himmelblaue Jumbojet des US-Präsidenten. Am nahen Strand haben hunderte Menschen ihre Klappstühle aufgestellt.

Auf der Startrampe 39-A, von der schon die ersten Astronauten Richtung Mond abhoben, steht umweht von weißem Wasserdampf, der Star des Tages: eine Falcon-9-Rakete. An der Spitze trägt sie ein Raumschiff von Typ „Crew Dragon“, mit dem um 15.22 Uhr (Ortszeit, 21.22 Uhr MESZ) zwei Astronauten der US-Raumfahrtbehörde Nasa zur Internationalen Raumstation (ISS) starten sollen.

Aber spielt das Wetter mit? Ein erster Startversuch am Mittwoch musste 17 Minuten vor dem Abheben abgebrochen werden, zu viele Gewitter in der Nähe der Flugbahn. Für Samstag hat das zuständige Meteorologenteam der US-Luftwaffe die Startchance mit 50 Prozent angegeben. Eine Dreiviertelstunde vor dem Start erhöhen sie auf 70 Prozent. Es sieht gut aus. Der Zugangssteg zum Raumschiff schwenkt zur Seite, die Rakete wird betankt.

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    Es ist das erste Mal seit dem letzten Start des Space Shuttles 2011, das amerikanische Astronauten wieder vom eigenen Territorium zur ISS reisen. In den Jahren dazwischen mussten sie dazu einen Platz in einem russischen Sojus-Raumschiff ergattern. Bereits die Rückkehr der bemannten Raumfahrt in die USA würde ausreichen, um diesen Samstag zu einem besonderen Tag zu machen. Doch es sind zwei weitere Aspekte, die den Start historisch erscheinen lassen.

    Grundlegender Strategieschwenk für die Nasa

    Erstmals starten Astronauten mit einem privaten Unternehmen in die Umlaufbahn. Rakete, Raumschiff, ja sogar die Raumanzüge stammen von SpaceX, dem 2002 gegründeten Weltraum-Start-up von Elon Musk.

    Für die Nasa ist das ein grundlegender Strategieschwenk. Statt selbst Kapseln, Raketen und Landefähren zu entwickeln und zu betreiben, will sich die Nasa fortan ihre Ausrüstung bevorzugt von privaten Unternehmen liefern lassen – wie eine Fluggesellschaft ihre Jets. „Wir stehen vor einer Ära, in der Flüge in die untere Erdumlaufbahn komplett privatisiert sein werden und in der unterschiedliche Anbieter miteinander konkurrieren“, sagt Jim Bridenstine. Der ehemalige republikanische Kongressabgeordnete, von Trump auf den Nasa-Chefposten gehoben, hat einen MBA-Abschluss. Das merkt man manchmal.

    Die Astronauten sollen für rund einen Monat auf der ISS bleiben. Quelle: dpa
    Nasa-Astronauten Douglas Hurley (links) und Robert Behnken

    Die Astronauten sollen für rund einen Monat auf der ISS bleiben.

    (Foto: dpa)

    Mit dem Start von „Crew Dragon“ ist die bemannte Raumfahrt nicht mehr nur in der Theorie ein Geschäftsmodell, sondern auch in der Praxis. Mit dem Elektroautobauer Tesla treibt Elon Musk bereits die etablierten Autokonzerne vor sich her. Mit seiner Falcon-Rakete, seinem Dragon-Raumschiff und der Nasa als Kunden hat er nun die beste Ausgangsposition, um auch die bemannte Raumfahrt zu revolutionieren.

    Zusätzliche symbolische Bedeutung erhält der Raketenstart durch die Krise in den USA. Über 100.000 Bürger sind am Coronavirus verstorben. Die Arbeitslosenquote liegt bei 15 Prozent. Seit vier Nächten erschüttern Unruhen die amerikanischen Großstädte, weil ein weißer Polizist einen wehrlos am Boden liegenden Afroamerikaner getötet hat.

    Angesichts dieser Lage geht es heute in Florida auch um den uramerikanische Traum, sich immer wieder neu zu erfinden, aus jeder überwundenen Krise noch größer und stärker hervorzugehen. Erst wenige Tage vor dem ersten Startversuch hatte Trump beschlossen, dass er selbst in Florida dabei sein will. „Vor einigen Jahren stand das hier alles kurz vor der Schließung, und jetzt sind wir wieder die Nummer eins in dem, was wir hier machen“, sagte Trump am Mittwoch bei seinem Rundgang durch das Kennedy Space Center.

    Traum vom Neustart

    Er könnte genauso gut die USA meinen. „Launch America“ lautet das offizielle Motto der Mission, und das ist schon sehr nahe dran an Trumps Slogan „Make America Great Again“. Aus dem Start wird der Traum vom Neustart.

    Die Astronauten Bob Behnken und Doug Hurley sollen diesen Neustart vollziehen. Zwei Nasa-Veteranen, 49 und 53 Jahr alt, Oberst in der Air Force der eine, im Marine Corps der andere. Beide haben schon zwei Space-Shuttle-Flüge hinter sich. Beide sind Familienväter, beide mit Astronautinnen verheiratet. Hurley ist der Typ, der sich um neun Uhr morgens für sein vorerst letztes Frühstück auf der Erde ein Steak mit Spiegelei bestellt.

    Musk jubelt nach dem erfolgreichen Start. Der Start-up-Gründer könnte die Raumfahrt genauso revolutionieren wie die Autoproduktion. Quelle: Reuters
    SpaceX-CEO Elon Musk

    Musk jubelt nach dem erfolgreichen Start. Der Start-up-Gründer könnte die Raumfahrt genauso revolutionieren wie die Autoproduktion.

    (Foto: Reuters)

    Spätestens als die beiden im „Neil Armstrong Operations and Checkout Building“ ihre Raumanzüge anlegen, wird klar: Hier gibt nicht mehr die Nasa den Ton an. „Diese Anzüge sind ein Fashion Statement“, kommentiert Ex-Astronaut Jerry Linenger den Look der Raumfahrtsaison 2020. Und in der Tat, die weißen Anzüge wirken wie die Offshore-Segelkollektion von Prada Sport, die Helme könnten aus der Requisitenkammer für die nächste Star-Trek-Episode stammen. Beim Anziehen helfen den Astronauten SpaceX-Mitarbeiter in schwarzen Overalls, schwarzen Handschuhen und mit schwarzen Gesichtsmasken.

    Die durchgestylte Atmosphäre steht in einem seltsamen Kontrast zu den altertümlichen analogen Messgeräten und dem grauen Linoleumboden im Gebäude. Das stammt noch aus einer Zeit, als Raumfahrt Regierungssache war und Design daher kein Wettbewerbsfaktor.

    Seit 70 Jahren schießen die USA von der sumpfigen Ebene am Cape Canaveral Raketen ins All und mit ihnen Erzählungen über sich selbst. Am Anfang steht die Geschichte, wie die Vereinigten Staaten herausgefordert werden durch die Sowjetunion, die 1957 einen piepsenden, medizinballgroßen Satelliten in die Umlaufbahn brachte und dann 1961 den ersten Menschen.

    Wie daraufhin ein junger amerikanischer Präsident 1961 das Unvorstellbare verkündet: Man werde noch vor Ablauf des Jahrzehnts einen Menschen zum Mond bringen. Wie dann tatsächlich 1969 Neil Armstrong mit dem letzten Schritt von der Leiter der Apollo-Landefähre das Versprechen des mittlerweile ermordeten John F. Kennedy wahr macht und der amerikanischen Nation den Glauben an die eigene Einzigartigkeit zurückgibt: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit.“

    Es war die Ära, in der Mitarbeiter der Nasa im Stile einer Kommandowirtschaft allen anderen beteiligten Behörden und Unternehmen genaue Vorgaben machten, was sie zu erforschen, zu prüfen, zu entwickeln und zu bauen hatten. Nur so konnte die gewaltige Kraftanstrengung des Apollo-Programms gelingen.

    Alleskönner Space Shuttle

    Was bei der Mondlandung ein Erfolgsfaktor war, wurde dem Nachfolgeprojekt zum Verhängnis. Mit dem Space Shuttle sollten bemannte Flüge in den Orbit zur preiswerten Routine werden und schon damals die Raumfahrt zu einem Geschäftsmodell. Zugleich war das Space Shuttle von Anfang an auch darauf ausgelegt, überschwere Spionagesatteliten ins All zu befördern, die auf keine der verfügbaren Raketenspitzen passten. Insgesamt fünf Space Shuttle wurden gebaut, bis 2011 brachten sie in 135 Missionen Fracht und Astronauten ins All und ermöglichten den Bau der Internationalen Raumstation.

    Doch weder war das Shuttle billig, noch war es sicher. 1986 explodierte das Space Shuttle „Challenger“ beim Start – alle sieben Astronauten an Bord starben. Schuld hatte ein schadhafter Dichtungsring, durch den heiße Verbrennungsgase austraten. 2003 zerbrach die „Columbia“ beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre mit 23-facher Schallgeschwindigkeit. Wieder starben alle sieben Astronauten. Die Ursache diesmal: ein Loch in der Hitzeschutzverkleidung.

    Bereits seit der Challenger-Katastrophe 1986 hat das Space Shuttle keinen kommerziellen Satelliten mehr ins All gebracht. Unbemannte Raketen erledigten diesen Job deutlich günstiger. Das Space Shuttle sollte alles können und wurde dadurch am Ende für fast alles zu teuer.

    Spätestens nach dem zweiten Unglück 2003 stand in den USA der Sinn der bemannten Raumfahrt insgesamt in Frage. Mehrere Nachfolgeprojekte der Nasa wurden abgebrochen. Nach dem letzten Shuttle-Start drohte Cape Canaveral für einige Jahre zu einem Museum für Amerikas vergangene Größe zu werden – und zu einem Habitat für Alligatoren. Die Startrampe 39-A war nur noch ein Haltepunkt für die Busse, die Touristen über das Gelände fahren.

    Das änderte sich mit dem Commercial Crew Program. Es spricht für den Anstand von Trump-Zögling und Nasa-Chef Bridenstine, dass er Anfang der Woche noch einmal deutlich machte: Es war Trumps Vorgänger Barack Obama, der dafür den Weg freiräumte. 2010 unterstützte die Nasa mit der vergleichsweise bescheidenen Gesamtsumme von 50 Millionen Dollar private Ideenskizzen für ein künftiges bemanntes Raumschiff.

    Mit den Jahren wurde die Zahl der geförderten Firmen kleiner, das Fördervolumen größer. 2014 vergab die Nasa 6,8 Milliarden Dollar für den Bau von zwei Raumschiffen: den „Crew Dragon“ von SpaceX und den „Starliner“ von Boeing. Ein unbemannter Testflug des „Starliners“ zur ISS scheitert jedoch 2019 an Softwareproblemen. Musks Start-up ist schneller als der Traditionskonzern.

    Raumschiff wie ein Tesla

    SpaceX startete bereits an diesem Samstag den ersten bemannten Testflug. Die 14 Kilometer bis zur Startrampe dorthin legen Behnken und Hurley in einem Tesla X mit weißen Ledersitzen zurück. Um 13.15 Uhr (Ortszeit) schließt sich die Luke des „Crew Dragon“ hinter ihnen. Auch im Inneren des Raumschiffs geht es zu wie in einem Tesla: glatte weiße Flächen, kaum Schalter. Als erstes Raumschiff der Welt wird der „Crew Dragon“ vor allem über drei Touchscreens bedient.

    Wenige Minuten vor dem Start kommt die erlösende Nachricht der Meteorologen: keine Gewitter in der Flugbahn. Die Triebwerke zünden, der Versorgungsturm klappt zur Seite, und die Rakete lässt die Dachterrasse erbeben, von der aus Donald Trump dem Start zusieht., Als sie nach wenigen Minuten die Schwerelosigkeit erreichen, lassen die Astronauten einen lila Plastikdinosaurier durchs Raumschiff schweben.

    Kurz nach dem Start folgt das Manöver, mit dem Musk Technikgeschichte geschrieben hat: Die Falcon-Rakete wird vom Raumschiff abgetrennt. Doch anders als konventionelle Raketen verglüht sie nicht in der Erdatmosphäre. Stattdessen landet die Falcon, vom eigenen Triebwerk sanft abgebremst, senkrecht auf dem Deck eines Spezialschiffes im Atlantik. Bald wird sie bereit sein zum nächsten Start.

    Das Raketen-Recycling macht Satellitenstarts mit SpaceX so billig. Doch dieses Brot-und-Butter-Geschäft der Raumfahrt war für Musk immer nur Mittel zum Zweck. „SpaceX ist mit der Idee gegründet worden Menschen ins All zu bringen“, sagt Hans Koenigsmann, der deutsche Raumfahrtingenieur, der als Vice President bei SpaceX für alle Raketenstarts verantwortlich ist. „Schon unser erster Cargodragon hatte ein Fenster, damit wir dieses Ziel nie aus den Augen verlieren.“

    Ob der private Weg ins All für die Nasa tatsächlich der billigere ist, muss sich erst noch herausstellen. Für die Plätze in den russischen Sojus-Kapseln zahlte die Nasa pro Astronaut am Ende rund 90 Millionen Dollar. Für die ersten regulären Flüge im „Crew Dragon“ sind 55 Millionen Dollar pro Astronaut und Flug im Gespräch. Allerdings: die milliardenschweren Entwicklungskosten, die die Nasa mitgetragen hat, werden sich erst nach vielen Starts amortisieren.

    Musk sichert sich Nebenverdienst

    Entscheidend für den Preis pro Start wird auch sein, ob es tatsächlich gelingt, einen Wettbewerb zwischen verschiedenen Anbietern aufzubauen, oder ob die Behörde am Ende Musk als quasi-Monopolisten ausgeliefert ist. Der hat sich bereits die Option auf einen netten Nebenverdienst gesichert: Da Musks Raumschiff sieben Plätze hat, die Nasa-Crews aber in der Regel kleiner sind, kann Musk die restlichen Plätze an zahlende Passagiere vergeben. Den Preis will SpaceX noch nicht verraten.

    Die Frage nach dem Sinn der bemannten Raumfahrt lässt sich ohnehin nicht anhand des Preises beantworten. Ihre Befürworter verweisen gerne darauf, dass man bei Erkundungen und Experimenten im All die menschliche Kreativität und Spontanität brauche, die ein Roboter nie entwickeln kann.

    Doch am Ende geht es um etwas Metaphysisches, das sich mit rationalen Argumenten nur schwer begründen lässt. Eine amerikanische Nation, die endlich wieder Astronauten zu den Sternen schickt, versichert sich der eigenen Größe, egal wie viele Menschen gerade am Coronavirus gestorben sind und egal wie sehr die amerikanischen Großstädte gerade von Unruhen erschüttert werden.

    Und Astronauten, die von den Sternen zurückkehren und uns von der Schönheit und der Kälte des Alls berichten, sind wie die Schamanen, die einst am Lagerfeuer staunenden Steinzeitmenschen von der Welt jenseits des nächsten Berges berichteten.

    Heute wie vor zehntausend Jahren brauchen wir gelegentlich die Erinnerung, dass es jenseits der sumpfigen Ebene immer noch Grenzen zu überwinden gilt. Weil wir Menschen sind. Weil wir es können.

    Mehr: Space Adventures will mit SpaceX Touristen ins All schießen.

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