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Serie: BranchenausblickGewinnabschöpfung und Preisbremsen: So geht es 2023 auf dem Energiemarkt weiter

Die Karten in der Branche sind neu verteilt. Ab Januar kommen neue Eingriffe der Politik dazu – und eine unsichere Versorgungslage im folgenden Winter.Kathrin Witsch, Catiana Krapp 27.12.2022 - 14:12 Uhr Artikel anhören

Die Verstromung aus Kohle gewinnt im neuen Jahr wieder an Bedeutung.

Foto: Handelsblatt

Düsseldorf. Kaum eine andere Branche hat im Jahr 2022 so viele Höhen und Tiefen durchgemacht wie die Energiebranche. Während Energieproduzenten Milliarden verdienten, rutschten Gashändler teilweise beinahe in die Pleite. Strom- und Gasversorger konnten ihre Tarife gar nicht so schnell erhöhen, wie die Rohstoffpreise an den Börsen immer weiter nach oben gesprungen sind.

Die Preisrally für Kohle, Öl, Gas und Strom hatte schon im Herbst 2021 begonnen. Als Russland Ende Februar den Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, sprangen die Kurse an den Börsen in bislang ungeahnte Höhen.

Nur wenige Wochen später wurde Uniper-Chef Klaus-Dieter Maubach, der noch Mitte Januar auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel die Zuverlässigkeit des langjährigen Lieferpartners Gazprom gelobt hatte, eines Besseren belehrt – und Uniper zum Symbol für die katastrophalen Folgen der großen Energieabhängigkeit von Russland.

Uniper-Sanierung wird Jahre benötigen

Beim größten Gasimporteur des Landes übernimmt nun der Staat das Ruder. Mitte Dezember haben die bisherigen Anteilseigner den Weg für eine Staatsübernahme frei gemacht. Bislang gehörte Uniper zu rund 70 Prozent dem finnischen Staatskonzern Fortum. Jetzt kauft der Bund Fortum und allen anderen Aktionären ihre Anteile ab und wird Uniper künftig zu 99 Prozent besitzen.

Beim Einstieg bringt der Bund acht Milliarden Euro Kapital mit, später könnten noch bis zu 25 Milliarden Euro hinzukommen. So soll Uniper weiter zuverlässig Gas auf dem Weltmarkt einkaufen und deutsche Stadtwerke und Industriekunden beliefern. Bis das Düsseldorfer Unternehmen mit diesem krisenbelasteten Geschäft wieder profitabel wird, kann es allerdings Jahre dauern.

Unabhängig von Uniper ist die Zukunft der deutschen Gasversorgung für die kommenden Jahre klar: Die Politik setzt auf verflüssigtes Erdgas, kurz LNG (Liquefied Natural Gas). Noch wird Deutschland ausschließlich über Pipeline-Gas aus Norwegen, Belgien, den Niederlanden und anderen europäischen Nachbarländern versorgt, aber schon 2023 könnte sich das ändern.

Nach und nach nimmt die Bundesrepublik die ersten eigenen LNG-Terminals in Betrieb. In Wilhelmshaven ist die erste Lieferung bereits angekommen. Ebenfalls noch im Dezember rechnet der Energiekonzern RWE mit einer Lieferung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Abu Dhabi National Oil Company (Adnoc) hat eine Vereinbarung über die Lieferung von 137.000 Kubikmetern bis Ende Dezember mit dem Unternehmen geschlossen. Gespräche über einen längerfristigen Liefervertrag laufen zudem noch.

Kohlekraftwerke sollen Gaslücke schließen

Insgesamt könnten bis Ende 2023 acht schwimmende LNG-Terminals in Deutschland ans Netz gehen. Zusammen dürften sie eine Jahreskapazität von deutlich über 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas erreichen. Das wäre ein Drittel des Gesamtverbrauchs hierzulande. 

Im neuen Jahr sollen aber auch noch zahlreiche alte Kohlekraftwerke helfen, die Gaslücke zu schließen. Daran und an der allgemeinen Ausnahmesituation auf dem Energiemarkt verdienen vor allem Unternehmen wie RWE, Steag, EnBW und Wind- und Solarparkbetreiber wie PNE, Encavis und Co. sehr gut.

In den vergangenen neun Monaten hat der Essener Energiekonzern RWE seinen operativen Gewinn mit 2,1 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Wegen der geplanten Erlösabschöpfung bei Stromproduzenten fürchtet RWE-Chef Markus Krebber allerdings einen Dämpfer für das Geschäft: „Wir rechnen mit einer signifikanten Belastung“, sagte der Manager im Handelsblatt-Interview. Die Politik will einen Teil der hohen Gewinne abschöpfen, um damit die Entlastungsprogramme für Millionen von Verbrauchern mitzufinanzieren.

Wo über viele Jahre Strom für 30 oder 40 Euro je Megawattstunde gehandelt wurde, kassierten einige Erzeuger in diesem Jahr in der Spitze zwischen 400 und 600 Euro. Aktuell hat sich der Preis zwar auf einem deutlich niedrigeren Niveau etwas beruhigt. Eine Megawattstunde Strom im tagesaktuellen Handel kostet aber immer noch fast 300 Euro – ein Anstieg um mehr als 600 Prozent. 

Zurückzuführen sind die hohen Strompreise auf ähnliche Steigerungen bei den Gaspreisen. Denn in vielen Kraftwerken zur Stromerzeugung kommt Gas zum Einsatz.

Strompreisbremse und Gaspreisbremse verabschiedet

In der Folge haben Energieversorger ihre Strom- und Gaspreise massiv angehoben. Deshalb gibt es im neuen Jahr Energiepreisbremsen. Mitte Dezember haben Bundestag und Bundesrat diese Instrumente für Strom und Gas gebilligt. Sie sollen ab März 2023 greifen, rückwirkend aber auch für Januar und Februar gelten. Bis Ende April 2024 wird für jeweils 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs der Gaspreis auf zwölf Cent, der Strompreis auf 40 Cent pro Kilowattstunde gedeckelt.

Um die Strompreisbremse zu finanzieren, will die Bundesregierung bei den Erzeugern 90 Prozent der Einnahmen, die bestimmte Grenzen überschreiten, abschöpfen. Erhoffte Einnahmen: 30 Milliarden Euro. Wind- und Solarparkbetreiber fürchten deswegen trotz ihrer gestiegenen Einnahmen, dass Investitionen in Erneuerbare ausgebremst werden. Denn laut Branchenteilnehmern sind auch die Preise für die Anlagen inflationsbedingt massiv gestiegen, ebenso die Bau- und Personalkosten und die Zinsen für Kredite.

Laut der Energiemarktberatung Aurora Energy Research könnte die geplante Abschöpfung der Übergewinne kurzfristig zwar für „erhebliche Einnahmeverluste“ zwischen 32 und 55 Prozent sorgen. Aber: „Auf die langfristige Wirtschaftlichkeit der Anlagen, ob subventioniert oder nicht, hat das kaum Auswirkungen“, betont der Hauptautor der Studie, Lars Jerrentrup. 

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