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KommentarDeutschland braucht eine Mentalität des Wiederaufbaus

Wirtschaftskrise, Krieg, Sorgen um das transatlantische Verhältnis: Die nächste Bundesregierung steht vor einer historischen Aufgabe. Was nun passieren muss – die Handelsblatt-Reformagenda.Sebastian Matthes 21.02.2025 - 08:18 Uhr
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Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

Unser Selbstverständnis als Handelsblatt-Redaktion ist klar. Wir belehren Sie nicht, wir sagen Ihnen nicht, was Sie tun sollen. Wir statten Sie mit den Fakten und Hintergründen aus, die Sie für Ihre Entscheidungen brauchen. Deswegen geben wir wie alle seriösen deutschen Medien – und im Gegensatz zu unseren angelsächsischen Kollegen – auch keine Wahlempfehlungen. Wir glauben: Ihre Meinung bilden Sie sich schon selbst.

In den vergangenen Wochen haben wir deswegen die Wahlprogramme der großen Parteien aus ökonomischer Perspektive analysiert: Wir haben berechnet, was ihre Steuervorschläge kosten und welche Folgen die Bundestagswahl für die Märkte haben kann.

Wir beleuchten den Weg – gehen müssen Sie ihn selbst.

Das ist gerade dieses Wochenende so wichtig. Denn diese Bundestagswahl ist ein Stresstest für die Zukunft Deutschlands.

Die hohen Migrationszahlen der vergangenen Jahre haben viele Bereiche der Gesellschaft an eine Belastungsgrenze gebracht. Die Wirtschaft steckt in der tiefsten Krise seit Bestehen der Bundesrepublik. Beim Blick auf die Schlüsseltechnologien der Zukunft droht Deutschland die Bedeutungslosigkeit. Und während die Großmächte USA und Russland über die Zukunft Europas verhandeln, sitzen die Europäer nicht einmal mehr am Tisch. Wer aber nicht am Tisch sitzt, steht schnell auf der Speisekarte.

Vielleicht ist nun der letzte Moment gekommen, in dem die politische Mitte zeigen kann, dass sie Deutschland aus der Krise führen kann.

Foto: Paul Langrock/laif

Große, mutige Reformschritte sind nötig – weit größere allerdings als die, über die in den vergangenen Wochen diskutiert wurde. Vor einigen Monaten hat unsere Redaktion den wichtigsten Zukunftsfragen eine ganze Sonderausgabe gewidmet. Heute veröffentlichen wir mit der Handelsblatt-Reformagenda rund zwei Dutzend Vorschläge, die aus unserer Sicht zwingend in einem neuen Koalitionsvertrag stehen müssten: wirtschaftspolitische Impulse wie Steuerreformen und Bürokratieabbau ebenso wie mutige Schritte zur besseren Steuerung der Migration, zudem eine Kehrtwende in der Energiepolitik.

Teils stehen ähnliche Vorschläge in den Wahlprogrammen unterschiedlicher Parteien, teils fehlen sie - der Vorschlag einer europäischen Atomstreitmacht zum Beispiel.

Die Zukunft spielte im Wahlkampf keine Rolle

Diese Reformagenda ist nötig, weil sich über den nun hinter uns liegenden Wahlkampf viel sagen ließe: Er war laut. Er war unerbittlich. Er war manchmal auch unschön. Aber keine Partei hat eine Antwort darauf geliefert, wie Deutschlands Geschäftsmodell in zehn bis 15 Jahren aussehen könnte. Das ist nicht akzeptabel in einer Welt massiver technologischer Umbrüche, in der die Kernbranchen eines alten Industrielandes zunehmend unter Druck geraten.

Doch nun heißt es: Blick nach vorn. Deutschland braucht Klarheit. Eine Regierung mit einem starken Mandat, fähig, ein großes Projekt zu stemmen: die längst überfällige Modernisierung eines Landes in der Identitätskrise. Das mehr sucht als nur ein neues Geschäftsmodell.

Neulich sprach ich in München mit einem weltbekannten Investor aus den USA über die Lage in Europa und Deutschland. Er sagte: „Natürlich gibt es viele strukturelle Probleme. Ihr verliert an Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlicher Stärke. Aber vor allem glaubt ihr doch selbst nicht mehr an euch. Wie sollen da andere an euch glauben?“ Dem hatte ich wenig entgegenzusetzen.

Deutschland braucht eine Mentalität des Wiederaufbaus, nachdem das Land jahrelang von seiner Substanz gelebt hat: Die Infrastruktur bröckelt, Deutschlands Schulen sind digital so gut ausgestattet wie ein Museum für Technikgeschichte, und selbst Mega-Bürokratien wie Indien sind bei der Digitalisierung des Staates mittlerweile weiter als die Deutschen.

Was auch daran liegt, dass keine der vergangenen Bundesregierungen ein Verständnis dafür entwickelt hat, was in den nächsten Jahren auf die Wirtschaft zukommt.

Natürlich ist der Staat nicht der beste Unternehmer. Aber er kann dazu beitragen, dass Technologie-Ökosysteme entstehen, in denen Investoren, Unternehmer, etablierte Unternehmen und Wissenschaftler zusammenkommen, um an den großen Ideen der Zukunft zu arbeiten. Es ist essenziell, dass die neue Bundesregierung versteht, welche Felder besonders wichtig werden und wo Deutschland in den nächsten Jahren Chancen hat.

In Bereichen wie Biotech, Quantencomputern, Kernfusion und, ja, auch in der industriellen KI erleben wir gerade faszinierende Durchbrüche, in all diesen Feldern ist das Rennen noch offen. Ein neuer Bundeskanzler muss es zur Chefsache machen, dass in Deutschland Rahmenbedingungen herrschen, unter denen deutsche Wissenschaftler und Unternehmer zur Weltspitze aufschließen können.

Wie das geht? Mit „Strategic Foresight“ – also strategischer Vorausschau. Eine Disziplin, mit der die besten Technologieunternehmen seit Jahren Zukunftsszenarien entwickeln – und ihre Innovationen entsprechend steuern. Warum baut das Kanzleramt nicht genau so eine Abteilung auf?

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Und seien wir realistisch: Nicht alles wird auf Anhieb funktionieren. Es werden Fehler passieren. Es wird Rückschläge geben. Doch das ist nicht der entscheidende Punkt. Es reicht, wenn einige Dinge wirklich gelingen – zwei oder drei große Projekte.

Schon das würde dem Land sein Selbstvertrauen zurückgeben.

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