Hauptversammlungsrede: Commerzbank fürchtet wegen Ukraine-Krieg mehr Insolvenzen
„An unseren Zielen für das Jahr 2022 halten wir fest“, betont er.
Foto: dpaFrankfurt. Commerzbank-Chef Manfred Knof stellt sich wegen der Folgen des Ukrainekriegs auf kräftigen Gegenwind ein. „Die Energieversorgung in Deutschland ist gefährdet, Lieferketten reißen ab, wir haben eine hohe Inflation“, erklärte Knof in seiner vorab veröffentlichten Rede zur virtuellen Hauptversammlung am 11. Mai. Darauf müsse sich die Commerzbank, die rund ein Drittel des deutschen Außenhandels abwickle, einstellen.
„Deshalb arbeiten wir eng mit unseren Firmenkunden an den aktuell schwierigen Themen – etwa daran, wie sie den steigenden Rohstoffpreisen und den Engpässen in den Lieferketten begegnen“, sagte Knof. „Aber wir dürfen uns auch nichts vormachen: Die Zahl der Insolvenzen in unseren Märkten wird wahrscheinlich steigen und damit auch die Risikovorsorge der Banken.“
Im ersten Quartal hat Deutschlands zweitgrößte Privatbank ihre Risikovorsorge bereits mehr als verdreifacht auf 464 Millionen Euro. Verantwortlich dafür war vor allem eine pauschale Risikovorsorge von rund einer halben Milliarde Euro im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine.
In Russland ist das Institut mit ihrer Tochter Commerzbank Eurasija vertreten. Das Geldhaus hat sein Geschäft in Russland nach dem Kriegsausbruch reduziert auf 1,3 Milliarden Euro Mitte März, sich jedoch nicht vollkommen zurückgezogen.
„Wir haben unser Neugeschäft in Russland eingestellt“, betonte Knof. „Bestehendes Geschäft mit deutschen und internationalen Kunden führen wir weiter aus.“ Dabei beachte das Institut alle Sanktionen sowie gesetzliche und regulatorische Anforderungen.
Wie es mit dem Geschäft in Russland weitergeht, dürfte unter anderem vom Verhalten Russlands und von weiteren Sanktionen abhängigen. „Wir beobachten die Entwicklung in Russland und der Ukraine weiterhin genau“, erklärte Knof. „Dabei passen wir unsere Geschäftsstrategie und die Risikobewertung kontinuierlich an die aktuelle Situation an.“
Aufsichtsratschef: 2022 wird kein einfaches Jahr
Knof steht seit Anfang vergangenen Jahres an der Spitze der Commerzbank und hat dem Institut einen strikten Sparkurs verordnet. Bis 2024 will das Institut insgesamt 10.000 Vollzeitstellen streichen sowie 340 Filialen dichtmachen – und kommt dabei bisher gut voran. Mehr als 6000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Bank bereits verlassen oder eine Vereinbarung über ihr Ausscheiden unterzeichnet. Zudem wurden rund 240 Niederlassungen geschlossen.
Das erste Transformationsjahr sei ein wichtiger Schritt gewesen, erklärte Aufsichtsratschef Helmut Gottschalk in seiner ebenfalls vorab veröffentlichten Rede. „Nun kommt es darauf an, dass wir die nächsten Schritte genauso konsequent gehen. Das Jahr 2022 wird dabei bestimmt kein einfaches – gerade auch mit Blick auf die aktuellen politischen Entwicklungen.“
Gottschalk hat mit seinen Aufsichtsratskollegen unter anderem das Vorstandsvergütungssystem überarbeitet und stellt es auf dem Aktionärstreffen zur Abstimmung. Das Management soll für das operative Ergebnis künftig nur noch dann einen Bonus erhalten, wenn der Zielwert zu mindestens 60 Prozent erreicht wurde. Bisher gibt es eine solche Schwelle nicht.
Amtszeit von Aufsichtsräten verkürzen
Außerdem will die Commerzbank die Amtszeit von Aufsichtsräten von fünf auf vier Jahre verkürzen. „Die Hauptversammlung soll aber auch noch darüber hinausgehen können und das Recht erhalten, bei der Wahl der Anteilseignervertreter eine noch kürzere Amtszeit zu bestimmen“, erklärte Gottschalk. So könne man die Amtszeiten der Anteilsvertreter staffeln und die Flexibilität im Aufsichtsrat erhöhen, weil dann nicht mehr alle Anteilseignervertreter in einer einzigen Hauptversammlung neu gewählt werden müssten.
Die einflussreichen Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis unterstützen die geplanten Reformen im Aufsichtsrat. Das neue Vorstandsvergütungssystem lehnt Glass Lewis dagegen ab, weil der Stimmrechtsberater es für zu rückwärtsgewandt hält. ISS will den Vorstandsvergütungsbericht nicht billigen – unter anderem wegen einer Sonderzahlung für Vorstandschef Knof.
Auch bei anderen Themen muss sich die Commerzbank-Spitze beim Aktionärstreffen auf kritische Fragen einstellen – beispielsweise zur gestoppten Auslagerung der Wertpapierabwicklung an HSBC. Das gescheiterte Großprojekte kostete das Frankfurter Geldhaus mehr als 200 Millionen Euro.
Kritik an Wirecard-Kredit und geplatztem Großprojekt
Der ehemalige Mitarbeiter und Commerzbank-Aktionär Bernd Heckmann fordert in einem Gegenantrag, Vorstand und Aufsichtsrat wegen der gescheiterten Auslagerung und eines geplatzten Kredits an den Skandalkonzern Wirecard nicht zu entlasten.
Zur Auslagerung der Wertpapierabwicklung schreibt Heckmann, schon Anfang 2020 sei allen Vorständen bekannt gewesen, dass das Projekt aus dem Ruder gelaufen sei. „Sie hatten die Verpflichtung, durch geeignete Maßnahmen zu gewährleisten, dass die offensichtliche Fehlentwicklung, die sich letztlich sogar zu einem Desaster entwickelte, gestoppt wird.“ Die Vorstände seien dieser Verpflichtung jedoch nicht nachgekommen und hätten so „billigend in Kauf genommen, dass der Bank ein Schaden in erheblicher Größenordnung entstand“.
Wegen des Kredits an Wirecard musste das Institut bereits vor zwei Jahren 187 Millionen Euro abschreiben. Heckmann ist der Ansicht, dass die Commerzbank Wirecard bei der Kreditvergabe nicht sorgfältig genug überprüft und zudem gegen interne Regeln verstoßen habe.
Das Institut hat die Vorwürfe auf der Hauptversammlung 2021 zurückgewiesen. Der Aufsichtsrat ließ jedoch zusätzlich vom Frankfurter Rechtsanwalt und Notar Kersten von Schenck prüfen, ob Vorstände bei der Kreditvergabe an Wirecard ihre Pflichten verletzt haben und deshalb auf Schadensersatz verklagt werden sollten – und verneinte dies anschließend.
„Der Aufsichtsrat schloss sich ohne eigene Prüfung fehlerhaft der Einschätzung des Anwalts an“, schreibt Heckmann in seinem Gegenantrag. Er will sich damit nicht abfinden und das Thema beim Aktionärstreffen in der kommenden Woche erneut zur Sprache bringen.