Interview: „Wie der Berater so etwas erklären will, das ist schon eine Herausforderung“
Gegen die im Juli verabschiedete Taxonomie, die unter anderem Atomkraft als nachhaltige Technologie einstuft, gab es viel Protest.
Foto: IMAGO/aal.photoFrankfurt. Das große Nachhaltigkeitschaos erreicht die Anlageberatung: Ab dem 2. August verlangt die EU, dass Anlageberater ihre Kunden nach deren Präferenz für grüne Anlagen fragen. So sollen sie herausfinden, was der Kunde dazu im Depot haben möchte.
Christian Klein sieht diese sogenannte Vermittlerrichtlinie durchaus kritisch. Sowohl die neuen Vorgaben als auch das Thema seien zu komplex, findet der Professor für Sustainable Finance an der Universität Kassel. Dabei sei er eigentlich ein „großer Fan von Regulatorik“.
Verständnisprobleme könnten nicht nur die Kunden haben, sondern auch die Berater. Denn es müssen in einem Gespräch verschiedene anspruchsvolle regulatorische Konzepte unter einen Hut gebracht werden, die in der Finanzbranche unter den Stichworten Taxonomie und Offenlegungsverordnung bekannt sind.
Eine zentrale Rolle spielt etwa die Definition nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten. Für Klarheit dazu fehlen laut Klein viele notwendige Daten, beispielsweise zu den zulässigen Treibhausgasemissionen.
Ein zweites Problem sei der Inhalt der Beratung, sagt Klein. Denn nach der Prioritätenabfrage muss der Berater seinen Kunden zu ihnen passende Anlageprodukte empfehlen. Die Produkte auf dem Markt seien aber durchweg nicht so grün, wie die Anbieter sie darstellten.
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Professor Klein, ab kommenden Dienstag müssen Berater ihre Kunden fragen, ob sie an Nachhaltigkeit interessiert sind. Werden sie das schaffen angesichts des komplexen Themas?
Sie müssen es, denn es ist ja vorgeschrieben. Aber vollkommen funktionieren wird das kaum. Ich denke einmal sehr überspitzt und stelle mir einen Kunden vor, der fragt: Ich hätte gern ein Produkt, das 33 Prozent taxonomiekonform ist, zur Artikel-neun-Gruppe gehört, in dem Kinderarbeit nicht vorkommt, aber Atomkraft zulässt.
Auch wenn das übertrieben ist, führt es doch zur Frage: Haben eigentlich die Berater das alles verstanden?
Wir haben in einer Befragung der Universität Kassel vor einem halben Jahr mit Beratern gesprochen. Viele wussten wenig bis nichts. Die sagten dann, von Offenlegung und Taxonomie habe ich schon gehört, aber was das genau ist, weiß ich nicht. Vielleicht hat sich das in den vergangenen Monaten geändert.
Regulatorische Vorgaben sind oft sehr bürokratisch, an der Wirklichkeit und der Praxis von Beratungsgesprächen vorbeikonzipiert. Gilt das auch für diese Vermittlerrichtlinie zum ohnehin komplexen Thema Nachhaltigkeit?
Ich bin ein großer Fan von Regulatorik. Aber als ich das erste Mal mit der Richtlinie konfrontiert wurde, ging mir schon der Gedanke durch den Kopf, was die sich dabei gedacht haben. Ist das über das Ziel hinaus geschossen? Da kommt schließlich die komplette Regulierung der vergangenen drei Jahre vor, mit Taxonomie, Offenlegung und den nachteiligen Effekten, im Finanzslang PAIs abgekürzt.
„Ich habe mich gewundert, dass die Anlageberater nicht schon vor einem Jahr geschult wurden.“
Foto: privatDas bringt noch einmal die Frage auf, ob hier nicht die regulatorische Theorie mit der Praxis eines Beratungsgesprächs kollidiert.
Das darf man fragen. Wenn ein normaler Sparer für solch ein Gespräch vielleicht eine halbe Stunde hat, wird es sehr spannend. Und dann kommt vielleicht noch eine Frage zu Atomkraft. Aus der anderen Warte betrachtet: Der Regulierer schätzt das Vorwissen des Kunden sehr hoch ein. Am Ende müssen ja außerdem noch Anlageprodukte ausgewählt werden. Meine Vermutung: Es wird eine Zeit dauern, bis das reibungslos klappt.
Auch wenn es um Nachhaltigkeit geht: Werden die Berater eine Antwort auf die Frage nach der Rendite haben?
Die Kunden könnten fragen: Kostet mich Nachhaltigkeit Geld? Gerade wenn sie beispielsweise hören, dass ein Fonds nach Artikel neun nachhaltiger ist als einer nach Artikel acht der Offenlegungsverordnung. Die ehrliche Antwort wäre: Das wissen wir nicht. Wie der Berater so etwas erklären will, das ist schon eine Herausforderung. Mal ganz abgesehen davon, dass Kollegen von mir in einer Untersuchung herausgefunden haben, dass von den sogenannten „voll grünen“ Produkten nach Artikel neun nur jeder dritte diesem Anspruch wirklich gerecht wird.
Noch einmal zur Komplexität der Regulatorik. Wäre da nicht eine radikale Vereinfachung nötig?
Wir brauchen vor allem eine praktikable Lösung. Ich habe mich gewundert, dass die Berater nicht schon vor einem Jahr geschult wurden. Manche Häuser hofften wohl auf eine Verschiebung der Richtlinie und haben dann sehr spät begonnen.
Das könnte man sich bei einer radikalen Vereinfachung wahrscheinlich sparen…
Sicher, man darf die Taxonomie als Datenwahnsinn und Bürokratiemonster abtun. Wir könnten uns das tatsächlich schenken, wenn wir das Klimathema mit der denkbar radikalsten Vereinfachung lösen könnten: der Einführung eines weltweiten CO2-Preises. Aber das ist unrealistisch. Deshalb gehen wir nicht durch die Vordertür, sondern durch die Hintertür solcher regulatorischer Vorgaben.
Welche Probleme tauchen Ihrer Meinung nach im Beratergespräch noch auf, gerade im Zusammenhang mit der umfangreichen und oft zitierten Taxonomie?
Wir setzen bei Produkten und in der Beratung diese Definitionen nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten voraus, doch viele der nötigen Daten fehlen noch. Im einfachsten Fall kennen Unternehmen ihre CO2-Emissionen nicht einmal. Da arbeitet man mit Schätzungen. Außerdem haben Anbieter ihre Anlageprodukte nicht mit dem Taxonomiegedanken im Hinterkopf gestaltet.
Hinter vorgehaltener Hand hört man: Manche Berater wollten die Kunden vor dem Gespräch überzeugen, in der Dokumentation kein Interesse an Nachhaltigkeit zu signalisieren. Der Hintergedanke: Dann könne man freier darüber sprechen. Und der Berater hat erst einmal die Verantwortung abgestreift.
Das habe ich auch gehört. Nach dem Motto: Das spart uns Zeit, und wir können viel lockerer über das Thema reden. Davon halte ich aber nichts. Die Berater müssen sich einfach mit dem komplexen Thema auseinandersetzen.
Professor Klein, vielen Dank für das Interview.