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Vilhelm HammershøiWie man Sammler überraschen kann

Die Großgalerie Hauser & Wirth eröffnet in Basel ihre 18. Dependance. Mit der ersten Ausstellung lenkt sie den Blick auf einen weniger bekannten Maler aus dem 19. Jahrhundert. Zu Recht.Susanne Schreiber 18.06.2024 - 15:47 Uhr
Vilhelm Hammershøi „Double Portrait of the Artist and His Wife, Seen through a Mirror. The Cottage Spurveskjul“: Gedämpfte Farben, kaum Bilderzählung, dafür ein Fest der Malerei. Foto: Hauser & Wirth, Private Collection

Basel. Seine Bilder haben noch immer das Potenzial zu irritieren. Der Däne Vilhelm Hammershøi (1864–1916) malte vor allem Innenräume mit einer reduzierten Farbpalette: Blau- und Grautöne, viel Leere, wenig Licht, viel Schatten, eher Zwielicht als Sonnenschein. „Aus rein koloristischer Sicht bin ich fest davon überzeugt, dass ein Bild am besten wirkt, je weniger Farben man verwendet“, bekannte der Maler.

Auch wenn Hammershøi seine Frau Ida von hinten zeigt oder sie lesend in der Wohnung malt, nie geht es in den Klein- und Mittelformaten um eine ausschweifende Bilderzählung. Hammershøi konzentriert vielmehr den Blick des Betrachters und vermittelt eine Stimmung von Ruhe und Nachdenklichkeit.

„Es ist eine Malerei über das Sehen. Man muss innehalten und genau hinsehen“, sagt Felix Krämer, einer der besten Kenner. Er konnte seit 2003 etliche internationale Ausstellungen zu seinem Magisterthema realisieren.

Vilhelm Hammershøi gelingt es, Innenräume und persönliche Gefühle zu verknüpfen. Der Betrachter wird bei ihm fast zum Voyeur von Innenwelten wie später bei Edward Hopper. Wegen der Reduktion, Serialität und seines oft nicht deckenden, sondern flott hingewischten Farbauftrags lässt sich der Däne auch als Vorläufer der Moderne betrachten.

Dass jetzt die Großgalerie Hauser & Wirth eine Hammershøi-Ausstellung mit musealen Leihgaben und nur vier verkäuflichen Werken veranstaltet, überrascht dann doch. Denn Hammershøi kommt aus dem 19. Jahrhundert, Hauser & Wirth aber stehen für die prägenden Figuren der zeitgenössischen Kunst – und in zunehmendem Maße für Künstlernachlässe des 20. Jahrhunderts. Jetzt streckt das Unternehmen von Iwan Wirth und Manuela Hauser mit der Eröffnung seiner 18. Galerie in Basel die Hände aus in den Kunsthandel. Und das kam so:

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In Basel führte Carlo Knöll in einem gediegenen Altbau direkt beim Antikenmuseum eine Galerie für Klassische Moderne. Der Sohn eines bestens vernetzten Rahmenbauers kennt sich darüber hinaus gut aus im 19. Jahrhundert. Dafür sorgt eine Familiensammlung und vielleicht auch ein Intermezzo bei Grisebach. Damals war Florian Illies dort Geschäftsführer und stellte die Modernität bestimmter Künstler des 19. Jahrhunderts heraus. Im vergangenen Herbst wurde Carlo Knöll Senior Director der Galerie Hauser & Wirth, die praktischerweise gleich Knölls Galerieräume in der ehemaligen Seidenbandfabrik neben dem Antikenmuseum übernahm.

Die Galerie Knoell AG aber besteht weiterhin in der zweiten Etage der Bäumleingasse 18. Sie darf mit ihrem eigenen Inventar arbeiten, teilt Hauser & Wirth auf Anfrage mit. Carlo Knöll, der smarte 36-Jährige, eröffnet den neuen Geschäftsbereich – den Handel mit älterer Kunst bei Hauser & Wirth – mit einem Paukenschlag: 16 Bilder von Vilhelm Hammershøi aus den Jahren 1883 bis 1914.

Blick in die neuen Räume von Hauser & Wirth in der alten Basler Seidenbandfabrik: Stille Bilder von Vilhelm Hammershøi. Foto: Serge Hasenboehler

Als Kurator holte sich Knöll Felix Krämer, den Generaldirektor des Museums Kunstpalast in Düsseldorf, als Autor für den Katalog Florian Illies. „Hammershøi ist ein Maler für Leute, die viel gesehen haben“, sagt Knöll und fügt eine wichtige Beobachtung an: „Sammler wollen überrascht werden.“

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Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Der Markt ist begierig nach Hidden Champions. Die Wohnraum-Interieurs haben zuletzt mittlere siebenstellige Preise erzielt. So konnte Christie’s 2022 „Stue. Interior with an Oval Mirror“ aus der Sammlung von Anne Bass  zum Mehrfachen der unteren Taxe bei 6,3 Millionen Dollar versteigern. An der Spitze steht „Musikzimmer, Strandgade 30“ von 1907. Dafür hat das Art Institute of Chicago vor einem Jahr bei Sotheby’s in New York 9,1 Millionen Dollar bewilligt. Geschätzt war es auf drei bis fünf Millionen Dollar.

Hauser & Wirth teilt keine Preise mit und weist auch die Leihgaben auf der Galerieliste nicht aus. Klar ist, die Preise liegen im sechs- und siebenstelligen Bereich.

Vilhelm Hammershøi „Interior with White Door and Yellow Wardrobe“ (Ausschnitt): Das Frühwerk ist nahezu abstrakt und erinnert Carlo Knöll an ein ähnliches Werk des viel jüngeren Mark Rothko. Foto: Hauser & Wirth, Private Collection

Kühn und eher an Flächen als an räumlichem Sehen oder Konturlinien interessiert scheint ein Frühwerk: „White Door and Yellow Wardrobe“. Als Hammershøi 1886 lapidar eine Wand mit weißer Tür und braunem Schrank malte, war er noch Student und wohnte zu Hause. Vor diesem unerhört modernen, fast abstrakten Werk zeigt Knöll auf dem Handy gerne ein Werk des viel jüngeren Mark Rothko in ähnlichen Farben und Formen. Hammershøis Kleinformat ging bei Sotheby’s im Juli 2022 bei 100.000 bis 150.000 Pfund zurück. Jetzt ist es für etwas mehr bei Hauser & Wirth zu haben.

Der lang unterschätzte Däne ist auch deshalb der Mann der Stunde, erzählt Felix Krämer, weil namhafte Museen in den USA, Spanien, Holland und Dänemark Ausstellungen planen mit Hammershøis stillen Bildern. Sie lehren uns das Sehen.

Vilhelm Hammershøi’s Silence: bis 13. Juli 2024
Galerie Hauser & Wirth, Basel, Luftgässlein 4

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