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Andreas Dombret und Scott Adelson „Ein wenig mehr Inflation ist keine schlechte Sache“

Die Spitzenmanager der Investmentbank Houlihan Lokey über die Aussichten der Geldpolitik, Risiken im Spacs-Geschäft – und warum junge Investmentbanker dringend Erholung brauchen.
14.06.2021 - 11:57 Uhr Kommentieren
Die US-Investmentbank Houlihan Lokey hat gerade mit Andreas Dombret einen prominenten Banker und Ex-Bundesbank-Vorstand angeheuert, um das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz voranzubringen. Quelle: Houlihan Lokey, Montage
Andreas Dombret (links), Scott Adelson

Die US-Investmentbank Houlihan Lokey hat gerade mit Andreas Dombret einen prominenten Banker und Ex-Bundesbank-Vorstand angeheuert, um das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz voranzubringen.

(Foto: Houlihan Lokey, Montage)

Frankfurt Die US-Investmentbank Houlihan Lokey macht gerade Schlagzeilen, weil sie ihren Mitarbeitern einen voll bezahlten Urlaub spendieren will. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt Co-President Scott Adelson das mit dem „Leid der Coronakrise“ und dem enormen Arbeitspensum der vergangenen Monate.

Andreas Dombret, der Independent Chairman der Bank für die deutschsprachigen Länder, zeigt Verständnis für die Diskussion um die Belastung gerade junger Banker. Entscheidend sei die Frage, ob die Arbeit „sinnvoll investierte Zeit ist“, betont er im Gespräch. Lange Arbeitstage dürften nicht „zu einer Art Ritual ohne Sinn“ verkommen.

Trotz der Coronakrise erlebt das Investmentbanking gerade einen Boom, von dem auch Houlihan Lokey profitiert. Dazu trägt auch das Geschäft mit leeren Börsenmänteln bei. Die sogenannten Spacs bieten jungen Wachstumsunternehmen einen neuen, schnellen Weg an die Börse.

Adelson fürchtet allerdings, dass der Spacs-Boom heiß gelaufen ist. „Ich glaube nicht, dass sich das Geschäft mit Börsenmänteln auf dem aktuellen Niveau halten kann, und ohne Zweifel werden einige Spacs scheitern“, betont der Banker. Sein Kollege Dombret warnt trotz drohender Probleme davor, das Instrument „pauschal zu verurteilen.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Adelson, Sie haben gerade mit Andreas Dombret einen prominenten Banker und Ex-Bundesbank-Vorstand angeheuert, um Ihr Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz voranzubringen. Aber der Markt ist hier und in Europa im Wesentlichen verteilt. Wie wollen Sie denn Marktanteile gewinnen?
Adelson: Wir sehen im Moment einen unglaublich robusten Markt für Fusionen und Übernahmen. Aber das spielt für uns gar keine so große Rolle. Viele Banken konzentrieren sich auf Deals im Milliarden-Euro-Bereich. Wir sind eher bei Transaktionen unterhalb der Milliardengrenze unterwegs. Von diesen Deals gibt es immer genug, selbst wenn die M&A-Konjunktur einmal nicht so gut laufen sollte.

Aber gerade der deutsche Mittelstand gilt als notorisch schwierig zu erobern, wie wollen Sie da punkten?
Adelson: Wir wachsen seit einigen Jahren sehr stark in Europa. Das gilt nicht zuletzt für Deutschland, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass diese Dynamik nachlässt.

Dombret: Unser Kerngeschäft in Deutschland ist der Industriesektor, wir decken von Frankfurt aus Sektoren wie Chemie, Automobilhersteller- und zulieferer sowie Luftfahrt und Verteidigung europaweit ab. In Deutschland werden weitere Branchen folgen, wir suchen gerade intensiv nach neuen Mitarbeitern.

Dabei könnte Ihnen helfen, dass Houlihan Lokey seinen Bankern in diesem Jahr einen voll bezahlten Urlaub schenkt, egal, ob es um Ferien am Strand, um einen Skiausflug oder um einen Kochkurs geht. Außerdem wollen Sie die Überstunden für junge Banker begrenzen und die Bezahlung der Nachwuchskräfte aufstocken. Wird das Investmentbanking jetzt zur Wohlfühloase?
Adelson: Nein, ganz sicher nicht. Wir hatten ein sehr gutes Geschäftsjahr und wollten das gemeinsam feiern. Außerdem mussten unsere Mitarbeiter in den vergangenen Monaten mit enormen Belastungen zurechtkommen. Da waren zum einen das durch die Coronakrise ausgelöste Leid und die vielen Einschränkungen. Dazu kam eine besonders intensive Arbeitsbelastung durch die sehr lebhafte Nachfrage nach unseren Beratungsleistungen. Deshalb belohnen wir unsere Mitarbeiter jetzt.

Bei Goldman Sachs haben sich junge Banker beschwert, dass sie das hohe Arbeitspensum überfordert. Aber eigentlich weiß doch jede Nachwuchskraft, auf was sie sich einlässt, wenn sie bei einer Investmentbank anheuert. Die Lehrjahre sind extrem kräftezehrend, dafür werden die Banker dann belohnt, wenn sie die Karriereleiter nach oben klettern.
Adelson: Das stimmt, aber in der Corona-Zeit ist es gerade für junge Talente nicht einfach. Es fehlt die Büro-Atmosphäre und der Austausch in der Gruppe. Das größte Vergnügen im Investmentbanking ist es, mit intelligenten und kreativen Menschen eng zusammenzuarbeiten. Und das war in den vergangenen Monaten deutlich schwieriger, weil die Mitarbeiter von zu Hause gearbeitet haben.

Dombret: Entscheidend ist, ob die Arbeit sinnvoll investierte Zeit ist oder nicht. Wenn man mit Kunden und im Team Lösungen sucht, um eine schwierige Transaktion doch noch voranzubringen, dann kann das sehr erfüllend sein, auch wenn die Arbeit manchmal bis in die Morgenstunden dauert. Schwierig wird es, wenn lange und sehr lange Arbeitstage zu einer Art Ritual ohne Sinn werden.

Zurück zum Geschäft: Houlihan Lokey gilt als Spezialist für die privaten Kapitalmärkte - Private Equity, aber auch Private Debt. Herr Dombret, wird Ihnen da als ehemaligem Bankenaufseher nicht ein bisschen bange? Schließlich fallen viele dieser marktbasierten Finanzierungsangebote in den Bereich der Schattenbanken, den viele Aufseher gerne strenger regulieren würden.
Dombret: Den Begriff Schattenbanken mochte ich noch nie, weil er suggeriert, dass hier Dinge im Verborgenen geschehen, was überhaupt nicht der Fall ist. Meiner Meinung nach sind hochspezialisierte Anbieter von marktbasierten Finanzierungen oft weniger riskant als etablierte Banken. Bei einem Anbieter, der sich beispielsweise seit Jahren auf Mezzanine-Finanzierungen für die Schifffahrtsbranche spezialisiert hat, kann man davon ausgehen, dass er seine Marktnische und die damit verbundenen Risiken genau kennt und dass hier auch nur institutionelle Investoren investiert sind.

Durch den anhaltenden Boom an den Märkten entstehen immer neue Finanzierungsinstrumente. Dazu zählen auch die sogenannten Spacs, über die Unternehmen quasi durch die Hintertür an die Börse gehen können. Das Geschäft mit diesen zunächst leeren Börsenmänteln, die erst später durch die Fusion mit einem Zielunternehmen gefüllt werden, hat einen regelrechten Boom erlebt. Jetzt gab es in den USA die ersten Schwierigkeiten. Sehen Sie ernsthafte Probleme auf die Spacs zukommen?
Adelson: Es sind vor allem die sehr niedrigen Zinsen, die alternative Wege der Kapitalbeschaffung möglich machen, und Spacs sind ein Teil dieses Trends. Ich glaube nicht, dass sich das Geschäft mit Börsenmänteln auf dem aktuellen Niveau halten kann, und ohne Zweifel werden einige Spacs scheitern. Das heißt aber nicht, dass das Instrument an sich keinen Nutzen hat.

Was können Spacs denn, was sich nicht auch durch einen normalen Börsengang erreichen ließe?
Adelson: In den USA dürfen Unternehmen bei einem klassischen Börsengang keine Prognosen über ihr künftiges Wachstum abgeben. Bei einem Börsengang via Spacs ist das anders, weil die Zielunternehmen erst nach der Erstnotiz mit dem Spac fusioniert werden. Dadurch eröffnet sich einer ganz neuen Klasse von jungen, wachstumsstarken Unternehmen die Chance auf eine Platzierung an der Börse.

Dombret: Angesichts des Booms in den USA wundere ich mich nicht, dass sich die Aufseher dort das Thema genau anschauen. Und in Deutschland fragt man sich nach dem Skandal um Wirecard, ob man die Barrieren für eine Börsenplatzierung weiter senken will. Aber Spacs erfüllen eine wichtige Funktion. Auch in Europa können sie helfen, die Finanzierungslücke zu schließen, die sich bei Wachstumsunternehmen häufig auftut, bevor sie reif für einen normalen Börsengang sind. Natürlich wird nicht jedes einzelne Spac Erfolg haben, aber man sollte sich davor hüten, dieses Instrument pauschal zu verurteilen.

Aber die Spac-Maschine ist ins Stottern geraten, die Anschlussfinanzierungen, bei der Investoren nach der Fusion mit einem Zielunternehmen noch einmal zusätzliches Kapital zur Verfügung stellen, funktionieren nicht mehr richtig.
Dombret: Natürlich kann die Qualität der einzelnen Spacs sehr unterschiedlich ausfallen. Ein Indiz, auf das Investoren achten sollten, ist das Handelsvolumen direkt nach Auflage des Börsenmantels. Fällt das Volumen sehr hoch aus, liegt der Verdacht nahe, dass der Anteil an spekulativen Investoren hoch ist. Wechseln dagegen nur wenige Anteile die Hände, spricht das eher für eine stabile, längerfristig orientierte Investorenbasis.

Angesichts der vielen Börsenmäntel, die jetzt nach geeigneten Fusionspartnern suchen müssen: Werden da nicht die Zielunternehmen knapp?
Adelson: Zielunternehmen gibt es reichlich. Es mag schwierig sein, die richtigen Kandidaten zu finden und sie von einer Fusion zu überzeugen, aber an einem Mangel interessanter Zielunternehmen werden die Spacs sicher nicht scheitern.

Ein Auslöser für die Abkühlung der Spacs-Konjunktur sind die wieder deutlich stärkeren Kursschwankungen an den Aktienbörsen. Erwarten Sie Probleme für andere Märkte?
Adelson: Ich bin ein notorischer Optimist, deshalb bekommen Sie auch eine optimistische Antwort von mir. Die Welt führt noch immer Krieg gegen die Pandemie, und tatsächlich lässt sich die Situation historisch am ehesten mit den beiden Weltkriegen vergleichen. Nach dem Ende dieser Katastrophen hat sich die Weltwirtschaft sehr gut entwickelt. Das liegt zum einen an den enormen Summen, die in den Wiederaufbau gesteckt wurden, zum anderen an der Psychologie. Wenn die Menschen wieder ihr normales Leben leben können, wird das eine Euphorie und einen Schub bei den Konsumausgaben auslösen.

Dombret: Die Volatilität an den Märkten geht im Moment vor allem vom Technologiesektor aus, der unter der Erwartung anziehender Inflationsraten und steigender Zinsen leidet. Ein erheblicher Teil der Preisschwankungen, die wir im Moment sehen, ist allerdings eher kurzfristiger Natur. Insgesamt würde ich davon ausgehen, dass die Zinsen im historischen Vergleich noch eine ganze Weile sehr niedrig bleiben.

Viele Investoren scheinen das nicht so entspannt zu sehen. In Deutschland hält die Bundesbank bis Ende dieses Jahres Inflationsraten von vier Prozent für möglich.
Adelson: Die Regierungen haben sich für den Kampf gegen die Pandemie hoch verschuldet und haben sicher kein Interesse an steigenden Zinsen. Aus dieser Sicht ist ein wenig mehr Inflation keine schlechte Sache. Außer den Anleiheinvestoren haben eigentlich alle anderen Gruppen ein Interesse an weiter niedrigen Zinsen mit ein wenig höheren Inflationsraten.

Dombret: Ein nicht unerheblicher Teil der höheren Inflationsraten entfällt auf die gestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreise. Durch diese Entwicklung, das ist meine feste Erwartung, werden die Zentralbanken noch eine längere Zeit hindurchschauen und sich bei ihren Einschätzungen auf die Kerninflation fokussieren.

Lassen Sie uns noch einmal auf Ihr Deutschlandgeschäft zurückkommen: Was heißt es eigentlich ganz konkret für Ihr Team, wenn Herr Dombret eine wichtige Rolle übernehmen wird? Wir denken beispielsweise an den Chef des Restrukturierungsgeschäfts in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Ansgar Zwick.
Adelson: Ansgar ist zum Ende Mai in den Ruhestand getreten. Wir sind ihm für seine Aufbauarbeit dankbar. Und gleichzeitig sind wir froh, dass wir mit Andreas Dombret eine Persönlichkeit gefunden haben, die unsere beiden Aktivitäten – Beratung von Fusionen und Übernahmen sowie Beratung bei Restrukturierungen – engagiert und kenntnisreich unterstützt.

Mehr: Europachef von Morgan Stanley: „Wir erwarten mehr grenzüberschreitende Deals.“

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