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Kommentar – Der ChefökonomAmerica first, Germany last

Die deutsche Volkswirtschaft profitierte wie kaum eine andere vom freien Welthandel. Nach Pandemie und Energiepreisschock droht nun ein noch größeres Risiko – Donald Trump.Bert Rürup 22.02.2024 - 13:52 Uhr
Der ehemalige US-Präsident hat gute Chancen, die Wahlen in diesem Jahr zu gewinnen. Foto: REUTERS

Unternehmen sind vaterlandslose Gesellen. In freiheitlich-marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystemen investieren sie dort, wo sie eine möglichst hohe Nach-Steuer-Rendite erwarten. Die Vorstände von Kapitalgesellschaften sind gesetzlich den Interessen der Anteilseigner verpflichtet – und nicht einem Standort oder einer Regierung.

Eine Folge davon ist, dass deutsche Konzerne neue Produktionsstätten oft im Ausland errichten. Dies ist nicht der wichtigste, aber doch ein Grund dafür, dass die deutsche Volkswirtschaft seit nunmehr vier Jahren stagniert, während die Gewinne vieler börsennotierter Unternehmen kräftig wachsen. Europäische und deutsche Börsenindizes notieren auf ihren Allzeithochs, während die Realwirtschaft kaum wächst.

Nun sind die meisten Wähler weniger an Aktienkursen und Unternehmensgewinnen interessiert als an der Entwicklung ihrer Einkommen und der Sicherheit ihrer Arbeitsplätze. Unbestritten ist, dass nicht nur in Deutschland die Löhne 2023 deutlich gestiegen sind. Weil aber die Preise noch schneller zulegten, sind die Realeinkommen – trotz Einmalzahlungen – seit geraumer Zeit zurückgegangen.

Zwar gibt es für 2023 noch keine amtlichen Daten. Doch selbst wenn die deutschen Reallöhne vergangenes Jahr nicht weiter gesunken sein sollten, lägen sie auf dem Niveau des Jahres 2015. Auch deshalb nimmt die Unzufriedenheit der Bevölkerung zu.

Die deutsche Industrie war lange Zeit einer der größten Gewinner der Globalisierung. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs Anfang der 1990er-Jahre eröffnete sich ein riesiges Niedriglohngebiet unmittelbar vor der eigenen Haustür. Ein ähnlicher Glücksfall war die Integration Chinas in die internationale Arbeitsteilung ab Ende 2001. Lohnintensive Fertigungen konnten ausgelagert werden, wenig später entstanden neue Absatzmärkte.

Gleichzeitig wurden hierzulande technologisch hochstehende Produkte entwickelt, fertig montiert und in zahlreiche Länder der Welt exportiert. So wurden gut bezahlte Arbeitsplätze im Inland gesichert und Wertschöpfung im Hochlohnland Deutschland generiert.

US-Wirtschaft steht deutlich besser da als die deutsche

Wichtigstes Abnehmerland von Produkten „made in Germany“ sind heute die Vereinigten Staaten, nicht zuletzt dank der robusten US-Konjunktur. Anders als von vielen Ökonomen erwartet rutschte die US-Wirtschaft im vergangenen Jahr nicht in eine Rezession, sondern wuchs um stattliche 3,1 Prozent. Damit war die Wirtschaftsleistung der weltgrößten Volkswirtschaft etwa um eine Billion Dollar höher als erwartet.

Das Land erlebt so etwas wie einen Gründerboom, der viele neue Arbeitsplätze entstehen lässt. Inflations- und Zinsschock sind weitgehend verdaut, und der Anteil der Haushalte, die erwarten, dass sich ihre finanzielle Lage bald verbessert, ist so hoch wie seit September 2020 nicht mehr – ganz im Gegensatz zum alten Industrieland Deutschland.

Die Gründe für dieses US-amerikanische Wirtschaftswunder sind vielfältig: die Investitionen, die die Regierung unter Joe Biden mit ihrem „Inflation Reduction Act“, einem camouflierten Subventions- und Protektionsprogramm, ins Land lockt, der flexible Arbeitsmarkt, die zahlreichen arbeitenden Migranten, die deutlich raschere Digitalisierung in der US-Industrie sowie der Frackingboom und die billige Energie.

US-Präsident Joe Biden investiert enorme Summen in die Industrie des Landes. Foto: AP

Ab dem kommenden Jahr könnte ein weiterer Faktor hinzukommen, der zumindest kurzfristig die Standortattraktivität der USA erhöhen dürfte: die zweite Präsidentschaft von Donald Trump. Sein „America first“-Kurs steht für Einfuhrzölle, Steuerpräferenzen, Abkehr von Umwelt- und Klimaschutzbemühungen, erratische Entscheidungen und Verbalattacken gegen einzelne, meist ausländische Unternehmen, die angeblich für den Abbau von Old-Economy-Jobs in den USA verantwortlich waren.

Kurzum, Trump steht für Protektionismus und Deglobalisierung – und in seiner ersten Amtszeit entwickelte sich die US-Konjunktur überraschend gut, bis die Pandemie diesem Aufschwung ein Ende setzte.

Deutsche Konzerne mit hoher Fertigungstiefe in den USA dürften von Trumps Kurs profitieren. Schwer wird es hingegen für den deutschen industriellen Mittelstand, der die USA – zumindest bislang noch – oft aus der Heimat beliefert. So sind nur etwa zehn Prozent der Mitglieder im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau in den USA präsent. Die übrigen Anbieter würden Importzölle der USA mit voller Wucht treffen.

Noch gravierender wären die Folgen, wenn es zu einem offenen Handelskrieg zwischen den USA und China käme. Die ohnehin fragile Weltkonjunktur würde erschüttert – nicht zuletzt zulasten des Standorts Deutschland. „Wenn die beiden Weltmächte sich weiter abschotten, würden die offenen Volkswirtschaften Europas besonders darunter leiden“, warnt der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm.

Womöglich müssten sich zahlreiche deutsche Unternehmen zwischen dem Handel mit den USA oder mit China entscheiden. Viele der bestehenden Lieferketten würden zusammenbrechen und Kontakte zu wichtigen Kunden und Lieferanten beschädigt. Die Folge wäre eine schwere Rezession.

Hoher Industrieanteil der deutschen Wirtschaft ist ein Risiko

Laut Ifo-Schätzungen brächte die Aufspaltung der Welt in einen USA-dominierten westlichen und einen östlichen von China dominierten Block für den alten Kontinent Europa dauerhafte Wohlstandsverluste in der Größenordnung von 1,1 bis 2,4 Prozent. Eine vollständige Abschottung Europas vom internationalen Handel würde dauerhaft etwa fünf Prozent Wohlstand kosten, nicht zuletzt auch, weil für die Gewährleistung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen wichtige Importe wegfielen.

Autor Prof. Bert Rürup ist Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats und Berater mehrerer Bundesregierungen sowie ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com. Foto: Handelsblatt

Keine andere große Volkswirtschaft ist heute durch einen ähnlich hohen Industrieanteil gekennzeichnet wie die deutsche. Sieben Dekaden lang war die leistungsfähige Industrie Garant für kontinuierliche Wohlstandszuwächse. Und aus weltwirtschaftlichen Umbrüchen ging die deutsche Volkswirtschaft meist als Gewinner hervor.

Von wenigen Rezessionsjahren abgesehen erfüllte unsere Soziale Marktwirtschaft ihr implizites Versprechen, durch steigende Reallöhne und Sozialleistungen wachsenden Wohlstand für alle zu garantieren. Dieses Versprechen war der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhielt.

Deutschland muss die EU stärken

Doch hoher Industrieanteil und Exportabhängigkeit sind heute womöglich ein Risiko. Sollte Trump im Herbst erneut zum US-Präsidenten gewählt werden und seine Autarkiebemühungen forcieren, dürfte es der deutschen Politik schwerfallen, die bisherigen Wohlstandsversprechen einzuhalten. Die Alterung der Bevölkerung, steigende Militärausgaben sowie hohe Kosten für die Dekarbonisierung und Infrastruktursanierung sind mit einer schrumpfenden Industrie nicht zu finanzieren.

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Nun ist der Einfluss der deutschen Politik auf den Ausgang der US-Wahl zu vernachlässigen. Doch allein zu hoffen, dass Trump nicht gewählt wird oder zwischenzeitlich dazugelernt hätte, gleicht einer Vogel-Strauß-Strategie. Deutschland bleibt keine andere Wahl, als die EU als Ganzes zu stärken, um einen Gegenpol zu beiden Supermächten USA und China zu bilden. Gleichzeitig gilt es, den Wirtschaftsstandort nachhaltig zu revitalisieren.

Angesichts der eher tristen Konjunkturerwartungen scheint es zumindest den Grünen und der FDP zu dämmern: „So können wir nicht weitermachen“, wie es Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) jüngst ausdrückte. Nun müssen die Taten folgen.

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