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Kommentar Der Wirecard-Skandal ist nicht nur das Werk einer skrupellosen Gangsterbande

Im Fall von Wirecard wurde ein System betrogen, das betrogen werden wollte. Zu viele Akteure – ob Anleger, Prüfer oder Aufseher – ließen die Luftschlossbauer in Aschheim zu lange gewähren.
18.06.2021 - 08:50 Uhr 2 Kommentare
Wirecards Chef gerierte sich als deutscher Steve Jobs – nun sitzt er in Untersuchungshaft. Quelle:  Thomas Dashuber für Handelsblatt
Markus Braun

Wirecards Chef gerierte sich als deutscher Steve Jobs – nun sitzt er in Untersuchungshaft.

(Foto:  Thomas Dashuber für Handelsblatt)

Die deutsche Seele beschrieb Heinrich Heine in seinem „Wintermärchen“: „Franzosen und Russen gehört das Land, / Das Meer gehört den Britten, / Wir aber besitzen im Luftreich‘ des Traums / Die Herrschaft unbestritten.“

Wirecard war ein deutscher Traum. Zwei Dekaden hielt er an. Vor einem Jahr verwandelte er sich endgültig in einen Albtraum. Seither wird gestritten. Wie hätte man den Milliardenbetrug verhindern können? Wie das Debakel für den Finanzplatz vermeiden? Aber jenseits aller individuellen Versäumnisse und aller strukturellen Schwächen lohnt sich die Rückbesinnung auf Heines Analyse.

Die Wirecard-Verantwortlichen schufen ein „Luftreich des Traums“, und weil dieser Traum so schön bunt war, wollten (beinahe) alle glauben, was ihnen da vorgegaukelt wurde. Schließlich versprach Vorstandschef Markus Braun, den Zahlungsdienstleister aus dem Münchner Speckgürtel zu einem deutschen Hightech-Konzern von Weltrang zu formen, ein zweites SAP.

Das ist ein verführerisches Versprechen in einem Land, das zwar stolz ist auf seine Autobauer und Schraubenhändler, aber von der Angst geplagt wird, die digitale Zukunft verpasst zu haben.

Dabei fehlten Brauns Versprechen von Anfang an die Substanz. Denn Wirecard war nie der hochinnovative Konzern, als den ihn Braun verkauft hat. Moderne Technologien wie die Blockchain oder Künstliche Intelligenz spielten keine Rolle, das zentrale IT-System basierte auf einer jahrzehntealten Lösung der Volksbanken. Wirecard war schon immer mehr Schein als Sein.

Bei Wirecard dauerte es Jahre, bis auf die Kritiker gehört wurde

Ein Schein, der sich nach allem, was man weiß, nur mit erheblicher krimineller Energie aufrechterhalten ließ. Nun ist Bilanzbetrug keine deutsche Eigenheit. Einzigartig am Fall Wirecard ist jedoch, wie lange die Kritiker warnten – und wie hartnäckig sie ignoriert wurden.

Als 2001 der US-Energiekonzern Enron in einem Bilanzskandal unterging, dauerte es acht Monate vom ersten kritischen Artikel bis zum Kollaps. Bei Wirecard warnten die Kritiker 2008, 2010, 2016, 2017 und 2018 vor den Praktiken des Konzerns. Doch erst 2020 geht das Unternehmen unter.

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Viele der frühen Warnungen hatten Substanz. Doch die Traumwandler am deutschen Finanzplatz ignorierten sie.

Beispiel Analysten: Die wachsenden Schulden und die hohe Profitabilität – Wirecard machte viermal mehr Rendite als die Konkurrenz – wurden von den Finanzexperten nicht hinterfragt. 2018 war der Konzern 24 Milliarden Euro wert, mehr als Commerzbank und Deutsche Bank zusammen: Wirecard machte da zwei Milliarden Euro Umsatz, die Deutsche Bank 25 Milliarden. Doch das schien die Aktienexperten trotz aller Warnungen nicht zu wundern.

Anleger, Prüfer und Aufseher ermöglichten die Traumtänzerei

Beispiel Anleger: Viele Kleinanleger träumten mit, wollten reich werden wie Braun. Dabei missachteten sie einfachste Regeln der Risikostreuung und waren mit ihrem unkritischen Blick in bester Gesellschaft. Der Chef der Abschlussprüferaufsicht Apas, Ralf Bose, kaufte noch 2020 Wirecard-Aktien – nach Lektüre des KPMG-Berichts, der große Teile des Asienumsatzes nicht bestätigen kann.

Beispiel Aufseher: Wie tief in den Amtsstuben geschlafen wurde, hat der parlamentarische Untersuchungsausschuss offengelegt: Millionenschwere Geldwäscheanzeigen wurden abgeheftet statt weitergegeben. Tippgeber wurden abgewimmelt. Und die kritischen Journalisten der „Financial Times“, die die schöne Traumwelt störten, wurden unter Generalverdacht gestellt.

Beispiel Prüfer: Die vielleicht unrühmlichste Rolle spielten die Wirtschaftsprüfer von EY. Sie segneten 2015 die Treuhandkonstruktion ab, die den Betrug erst ermöglichte. Trotz eigener Zweifel träumten die Prüfer bis kurz vor Schluss von neuen Mandaten, statt die Wahrheit ans Licht zu bringen.

All diese Beispiele zeigen: Der Wirecard-Skandal ist nicht nur das Werk einer skrupellosen Gangsterbande. Der größte Betrugsfall der deutschen Nachkriegszeit steht für mehr. Betrogen wurde ein System, das betrogen werden wollte. Zu viele Akteure ließen die Luftschlossbauer in Aschheim zu lange gewähren.

Nun kommen Reformen. Manche gehen in die richtige Richtung, etwa die Abschaffung der Prüfstelle für Rechnungslegung, die Wirecard nie ernsthaft unter die Lupe nahm. Genauso die Stärkung der Finanzaufsicht Bafin, die erstmals polizeiliche Befugnisse erhält. Andere gehen längst nicht weit genug, so sind die Vorschläge zur Neuregelung der Wirtschaftsprüfung bestenfalls Stückwerk.

Neue Gesetze allein werden den nächsten Fall Wirecard ohnehin nicht verhindern. Der Finanzplatz Deutschland braucht endlich mehr Professionalität und weniger Traumtänzerei. Der Handlungsdruck ist größer als oft vermutet.

Mehr: Geniale Betrüger – Wie Wirecard Politik und Finanzsystem bloßstellt

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2 Kommentare zu "Kommentar: Der Wirecard-Skandal ist nicht nur das Werk einer skrupellosen Gangsterbande"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Traumtänzerei ist hier das völlig falsche Wort! Staats- und Institutsversagen passt dagegen. Und hier Heinrich Heine zu zitieren ist ja schon echt abwegig. Die USA kannte er offenbar noch gar nicht? Ist das auch ein Land der Träumer demzufolge? Ich sage nur: Madoff, Enron und sicherlich auch Lehman!

  • Bei den privaten Anlegern kann man ja nun - nachdem (zeitlich) die BaFin sich als PE-Agentur für Wirecard gerierte - keine Mitschuld suchen wollen. Das ist bösartig! Dagegen spricht vieles dafür, dass EY sogar bestochen worden ist - anders ist das Ganze schlicht nicht verständlich!

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