Morning Briefing: Die SPD will alle Spitzenpositionen im Staat besetzen – ein hoher Anspruch für ihr Wahlergebnis
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
die vor einem Jahr fast schon abgedrängte, ja verdrängte SPD kommt in diesen Tagen kaum noch damit nach, all jene Spitzenpositionen zu besetzen, die die Republik einem Wahlsieger bietet. Wenn die Grünen nicht noch entdecken, dass ihnen bei zu wenig Durchsetzungspower das nächste Mal die Wähler wegrennen – wenn also die „Ampel-Koalition“ friktionslos läuft – dann gelingt der Partei eine Aufstellung ganz in Rot.
Bundeskanzler: Olaf Scholz, Bundestagspräsidentin: Bärbel Bas („Bärbel Who?“), Bundespräsident: Frank-Walter Steinmeier – und die gerade frei gewordene Präsidentschaft der Bundesbank kann man auch bestücken. Ziemlich viel für eine Partei, die bei der Bundestagswahl gerade mal 25,7 Prozent erreicht hat.
Womit wir bei Jens Weidmann, 53, wären. Der hat nach zehn Jahren entdeckt, dass es noch andere Jobs gibt als bei der obersten deutschen Währungsinstanz. Als ich den Ökonomen in dessen Startphase einmal porträtiert habe, war er noch voller Optimismus, mit Mario Draghi, dem damals neuen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), gut zu kooperieren. Alles im Sinne altdeutscher Stabilitätspolitik, ohne großes Schuldenmachen.
Ein „Falke“ sei doch ein schönes Tier, hieß es im Gespräch – als „Falke“ werden im Gegensatz zu „Tauben“ geldpolitische Hardliner bezeichnet. Es kam, wie bekannt, ganz anders. Zudem verflog zuletzt die Hoffnung, selbst EZB-Präsident zu werden. So hat Jens Weidmann summa summarum einen langen „Abnutzungskrieg“ hinter sich, den er nunmehr lange vor Vertragsende 2027 als „einsamer Rufer“ beendet.
In unserer Titelgeschichte dröseln wir auf, was im Einzelnen Weidmannslast und Weidmannslust ausmachte.
- Eine saubere Trennung von Geld- und Fiskalpolitik, wie sie ihm vorschwebt, ist im Europa der Krisenbewältigung offenbar ein Fall fürs Museum, nicht für den Mainstream.
- Schwer wirkt die Sorge, ob im Dezember das Pandemie-Notfallprogramm PEPP über den März 2022 verlängert wird – es bietet der EZB sehr flexible Chancen, Staatsanleihen von Schuldenländern wie Italien anzukaufen.
- Die Gefahr der Inflation – in Deutschland derzeit leicht über vier Prozent – werde zu geringgeschätzt, glaubt der zum Jahresende „aus persönlichen Gründen“ scheidende Bundesbanker. Dafür drehe sich zu viel um angebliche deflationäre Risiken.
Als Gegengewicht wird ein engagierter Volkswirt fehlen. Als geistiger Sachwalter sieht sich schon Christian Lindner – auf die FDP komme besondere Verantwortung zu, sagt der mögliche Bundesfinanzminister. Als eine Favoritin für den Bundesbank-Job gilt unterdessen EZB-Direktorin Isabel Schnabel, 50. Zur Weidmann-Dekade fällt einem Arthur Schnitzler ein: „Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt – und nicht, was wir ersehnt haben.“
Noch schlimmer als in einer Krise zu stecken, ist es, mit einer Krise schlecht umzugehen. Mathias Döpfner, CEO von Axel Springer, muss sich da Fragen gefallen lassen. Wie hat er reagiert nach dem Rauswurf des allzu promisken „Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt?
Nicht in einem Gespräch mit einem anderen Medium oder in einer Pressekonferenz, sondern mit einer heruntergeleierten Videobotschaft an die Belegschaft, so in die Richtung: nach Diktat verreist. Keine Rolle spielt da, dass sich laut „New York Times“ Frauen bitter über das Sex- und Angstklima bei „Bild“ beklagten. Statt einem „Sorry“ kommt Verschwörungsgeraune über die Informanten:
„Im Hintergrund wirkten Männer, die erkennbar das Vorgehen organisierten“, döpfnert es – Ex-„Bild“-Leute also, die Reichelt ans Leder wollten. Ja, es sei „ein sehr drohender, teilweise fast erpresserischer Ton angeschlagen“ worden. Wir erleben „Axel gegen den Rest der Welt“. Opfer sind auf einmal die „Bild“-Macher und nicht die im System ausgenutzten Frauen. Fazit: Als Verbandspräsident der deutschen Zeitungsverlage hat sich Mathias Döpfner mit diesem Video dafür qualifiziert, von den Aufgaben entbunden zu werden.
Der börsennotierte Online-Bezahldienst Paypal – aktuell mit 320 Milliarden Dollar bewertet – steht vor einem großen Deal. In den letzten Stunden sickerte durch, dass man sich Pinterest sehr nahe anschaut, eine Pinnwand für Grafiken und Fotografien im Internet.
Dabei sind offenbar 70 Dollar pro Aktie im Gespräch, was das Objekt der Begierde mit rund 39 Milliarden Dollar bewerten lässt. Die Börsianer bildeten sich rasch eine Meinung, für wen ein solcher Deal gut oder schlecht wäre: Die Pinterest-Aktie gewann kurzfristig 12,8 Prozent, Paypal dagegen verlor 4,9 Prozent.
Für den klammen chinesischen Immobilienriesen Evergrande tickt die Uhr. Gestern musste das Management das Scheitern des Notplans verkünden, 50,1 Prozent der Tochter Evergrande Property Service für 2,6 Milliarden Dollar an den kleineren Rivalen Hopson Development zu verhökern. Damit fehlt dem Konzern, der 300 Milliarden Dollar Schulden angehäuft hat, eindeutig Liquidität.
Und am Ende dieser Woche läuft eine wichtige Frist ab, was Evergrande schlimmstenfalls in den Abgrund stoßen kann. Definitiv zu entrichten sind fällige Zinsen auf eine Anleihe: Es geht um insgesamt 83,5 Millionen Dollar. Werden die Anleihegläubiger nicht befriedigt, wäre ein formeller Zahlungsausfall die Folge. Dann käme es, wenn man so will, zum Phänomen einstürzender Neubauten.
Und dann ist da noch die 101 Jahre alte Show zur Wahl der „Miss France“, die sich beinhartem Widerstand gegenübersieht. Eine feministische Gruppe („Osez le féminisme!“) sowie drei gescheiterte Bewerberinnen verklagen die TV-Produktionsfirma Endemol wegen diskriminierender Zugangsregeln. Begründung: Die „Miss-France“-Teilnehmer seien Dienstleisterinnen und sollten daher durch das französische Gesetz vor Vorurteilen geschützt werden. Kritisiert wird, dass die Kandidatinnen eine Mindestgröße haben müssen sowie nicht verheiratet sein oder Kinder haben dürfen. Auch sind Tattoos, Haar-Extensions oder Rauchgewohnheiten tabu. Die Frauen sollen laut Reglement am allerbesten Schönheit und Eleganz repräsentieren.
Dieser Wettbewerb habe einen negativen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft, schimpfen die Frauenrechtlerinnen. Die französische Modedesignerin Coco Chanel sagte einst: „Die Schönheit brauchen wir Frauen, damit die Männer uns lieben, die Dummheit, damit wir die Männer lieben.“
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag mit liebenswürdigen Personen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor
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