Kanzlerkandidaten: Das sollten Sie über Scholz, Merz, Weidel und Habeck wissen
Düsseldorf. Am 23. Februar ist die vorgezogene Bundestagswahl. Nach der Wahl bestimmen die 630 neuen Abgeordneten die nächste Bundeskanzlerin oder den nächsten Bundeskanzler.
Alle größeren Parteien bis auf Linke und FDP haben deshalb einen Kandidaten oder eine Kandidatin aufgestellt. Der Wahlkampf spitzt sich zu, Wahlprogramme liegen vor.
So unterschiedlich wie die Parteien sind auch ihre Kanzlerkandidaten. Ein Überblick.
CDU-Kanzlerkandidat: Friedrich Merz
Die Union klärte die K-Frage weit vor den anderen Parteien. CDU-Chef Friedrich Merz setzte sich gegen den CSU-Parteivorsitzenden Markus Söder durch – und das trotz Fehlens jeglicher Regierungserfahrung.
Als nahe an den Menschen gilt Merz nicht. Der 69-Jährige war zwischenzeitlich Aufsichtsrat beim Vermögensverwalter Blackrock. Er bezeichnete sich selbst einmal als „gehobene Mittelschicht“, gab davor aber zu, ein Millionenvermögen zu besitzen.
Zudem fällt er regelmäßig mit kontroversen Äußerungen auf, die ihm den Vorwurf einbringen, am rechten Rand zu fischen. Kinder mit Migrationshintergrund nannte er „kleine Paschas“. Geflüchteten aus der Ukraine warf er „Sozialtourismus“ vor. Später distanzierte er sich von den Aussagen.
Auch im Wahlkampf hält er sich nicht zurück. Scholz sei im Kreise der EU-Chefs ein „Totalausfall“, polterte er. Im vergangenen Jahr bezeichnete er den Kanzler als „Klempner der Macht“.
Merz größtes Problem sind aber nicht die Wählerinnen und Wähler, die das geschmacklos finden könnten. Es sind Frauen, beziehungsweise seine mangelnde Beliebtheit in dieser Zielgruppe. In einer Forsa-Umfrage gaben Mitte Dezember 21 Prozent der befragten Frauen an, ihn gerne als Kanzler zu haben. 29 Prozent wünschen sich hingegen Scholz. Bei den Männern zeigte sich das Gegenteil.
Schon 2021 wählten Frauen tendenziell linker als Männer. Merz dürfte dem mit jüngsten Aussagen aus dem Wahlkampf kaum entgegenwirken. Angesprochen auf eine Geschlechterparität in einer möglicherweise unionsgeführten Bundesregierung sprach er sich dagegen aus und verwies auf Fehler der ehemaligen Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD). „Wir tun damit auch den Frauen keinen Gefallen“, fügte er hinzu.
Zunächst wollte Merz vor allem mit dem Thema Wirtschaft überzeugen, jetzt will er die Wählerinnen und Wähler mit Härte in der Migrationspolitik gewinnen. Dafür brachte die Union mit den Stimmen der AfD einen Fünf-Punkte-Plan durch den Bundestag, der auch Teil des „Sofortprogramms“ der CDU ist, das unmittelbar nach der Wahl umgesetzt werden soll. Das Programm sieht auch Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaft und zur Stärkung der inneren Sicherheit vor.
SPD-Kanzlerkandidat: Olaf Scholz
Eine starke Bilanz kann Amtsinhaber Scholz vor der Bundestagswahl nicht vorweisen. Ob das nun ausschließlich an der Arbeit seiner Regierung lag, oder ob äußere Umstände und Verfehlungen der zuvor 16 Jahre lang regierenden CDU eine wichtige Rolle spielten, ist streitbar. Fest steht aber: Wählerinnen und Wähler lassen sich damit kaum überzeugen.
Begeisterung löst Scholz bei den Deutschen nicht aus. Sowohl in der Bevölkerung als auch in der Partei hätten sich viele Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius als Kandidaten gewünscht.
Der SPD-Vorstand entschied sich dennoch einstimmig für den 66-Jährigen. Der Parteivorsitzende Lars Klingbeil verwies auf die mangelnde Regierungserfahrung des Konkurrenten Merz. Co-Chefin Saskia Esken sagte, Scholz sei „mit seiner prinzipienfesten, entschlossenen Art“ der richtige Mann für das Kanzleramt.
Große Emotionen zeigt Scholz selten. Der langjährige Erste Bürgermeister von Hamburg ist hanseatisch geprägt. Doch im Wahlkampf spitzt sich der Ton zu. In der Aussprache über die Migrationspolitik im Bundestag warf er Merz vor, ein „Zocker“ zu sein, der den Zusammenhalt Europas als „Spieleinsatz“ nutzt.
Dass die Union in Kauf genommen hat, die Mehrheit für einen rein symbolischen Entschließungsantrag nur mit den Stimmen der AfD zu erhalten, polarisiert. Die teils gesichert rechtsextreme Partei stimmte zudem für das von der Union eingebrachte „Zustrombegrenzungsgesetz“, das letztlich scheiterte. Hunderttausende Menschen gingen auf die Straße.
Die SPD hat jetzt ein neues Wahlkampfthema: Schwarz-Blau verhindern. Das schließt Merz zwar kategorisch aus, allerdings hatte er auch versprochen, keine Mehrheiten mit der AfD zu suchen.
Bislang zeichnet sich kein Erfolg durch die neue Strategie ab. Die Union verliert zwar, die SPD liegt aber deutlich hinter der AfD.
Schon in seiner Rede nach seiner Kür zum Kanzlerkandidaten hatte Scholz seine Partei auf eine Aufholjagd eingeschworen. Er inszenierte sich als entschlossener Verteidiger westlicher Werte gegen den Vormarsch von Autokraten. Deutschland soll größter Unterstützer der Ukraine in Europa bleiben. Zudem sprach er über sozialdemokratische Kernthemen wie stabile Renten und einen höheren Mindestlohn.
Kanzlerkandidat der Grünen: Robert Habeck
Die Grünen haben den Vizekanzler Robert Habeck zum „Kandidaten für die Menschen in Deutschland“ gekürt. Offiziell ist er Spitzenkandidat im Duo mit Annalena Baerbock.
De facto ist es aber Habeck, der bei einem sehr unwahrscheinlichen Wahlsieg seiner Partei Kanzler werden würde. Habecks Image hat unter unbeliebten Maßnahmen der Ampel wie dem Heizungsgesetz und der aktuellen Konjunkturschwäche gelitten. CDU-Konkurrent Merz nannte ihn das „Gesicht der Wirtschaftskrise in Deutschland“.
Habeck gehört zum Realo-Flügel seiner Partei. Bundesaußenministerin Baerbock lobte ihn als „superpragmatisch“. Der 55-Jährige zeigte sich zum Beispiel offen für eine Koalition mit der Union.
Bislang stand dem primär die Ablehnung von CDU und CSU entgegen. Nach der Abstimmung zum Fünf-Punkte Plan stellt sich aber die Frage, ob die Grünen überhaupt noch solche Koalition eingehen können. Erste Stimmen, etwa aus der Grünen Jugend, lehnen eine Zusammenarbeit vehement ab.
Für viele Umweltschützer, Klimaaktivistinnen und die Linken in der Partei ist Habeck auch wegen seines Pragmatismus nicht „grün“ genug. Für einen anderen Teil der Bevölkerung ist der Schleswig-Holsteiner Inbegriff einer grünen Verbotspolitik.
So unpopulär wie Habeck bei den einen ist, so beliebt ist er bei den anderen. Der 55-Jährige erreichte Beliebtheitswerte wie kein Zweiter, als er nach der letzten Bundestagswahl sein Amt als Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister angetreten hatte. Daran könnte er vielleicht anknüpfen. Nach dem Bruch der Ampelkoalition legten die Grünen in Umfragen wieder zu.
Sein größter Konkurrent im Kampf um seine Klientel dürften die Sozialdemokraten sein. Die SPD hofft, im linken Spektrum möglichst viele Stimmen einzusammeln.
Im Wahlprogramm gibt es zahlreiche Überschneidungen. Beide setzen bei der Finanzierung von Entlastungen für Wirtschaft und Bürger auf Umverteilung statt auf Sozialkürzungen. Beide wollen die Schuldenbremse reformieren. Die Grünen betonen zudem einen sozial verträglichen Klimaschutz. In Teilen der Wirtschaft und insbesondere bei Familienunternehmen unbeliebt macht sich Habeck mit seiner Forderung nach einer globalen Milliardärssteuer.
AfD-Kanzlerkandidatin: Alice Weidel
Für die Wahl im Februar hat die AfD erstmals eine Kanzlerkandidatin gekürt. Alice Weidel führt die teils als rechtsextrem eingestufte Partei in den Wahlkampf.
Kanzlerin wird Weidel nicht werden, auch nicht Ministerin. Keine andere Partei will eine Koalition mit ihr bilden. Doch die Botschaft der AfD ist deutlich, wie Weidel nach ihrer Nominierung sagte: „Wir sind bundesweit in den Umfragen zweitstärkste Kraft, und daraus leiten wir ganz klar einen Regierungsanspruch ab.“
Ein gutes Ergebnis ist der Partei sicher. Sie profitiert von der Unzufriedenheit über die mittlerweile gescheiterte Ampelkoalition und der Angst in der Bevölkerung nach mehreren von Flüchtlingen verübten Messerangriffen.
Weidel gehört als Frau zur Minderheit in der männlich geprägten AfD. Mit Tino Chrupalla bildet sie den Vorsitz in der Partei und der Parlamentsfraktion. Auffällig ist zudem der Widerspruch zwischen dem Programm ihrer Partei und ihrem Privatleben. Während die AfD ein traditionelles Familienbild propagiert, zieht die 45-Jährige mit ihrer aus Sri Lanka stammenden Frau zwei adoptierte Kinder groß.
Öffentlich provoziert Weidel gern. Flüchtlinge und Asylbewerber verunglimpfte sie pauschal als „alimentierte Messermänner“, muslimische Mädchen als „Kopftuchmädchen“.
Ihr Vorbild in Wirtschaftsfragen ist die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher. „Mir imponiert ihre Biografie, das Schwimmen gegen den Strom, auch wenn es unangenehm wird“, sagte sie im Interview mit der „Bild“. Wie Thatcher unterstützt auch Weidel einen wirtschaftsliberalen Kurs mit niedrigeren Steuern und im Umkehrschluss weniger staatliche Mittel für Entlastungen und Subventionen.
BSW-Kanzlerkandidatin: Sahra Wagenknecht
Noch geringere Chancen aufs Kanzleramt hat Sahra Wagenknecht, Kanzlerkandidatin des nach ihr benannten Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Das ist der jungen Partei auch bewusst. Generalsekretär Christian Leye sagte nach der Verkündung: „Wir machen uns weder etwas vor, noch sind wir größenwahnsinnig.“
Zugleich sprach er von einer „Kanzlerkandidaten-Inflation“, die auch das BSW in Zugzwang bringe. In Umfragen liegt die Partei teils nur knapp über der Fünf-Prozent-Hürde – trotz ihrer Erfolge bei den Landtagswahlen im Osten. Zu viele Stimmen dürfte die Partei auch gar nicht holen. Es wäre kaum Personal da. Bundesweit hat das BSW nur 1200 Mitglieder.
Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Partei im Wahlkampf vollkommen auf die 55-jährige Wagenknecht setzt. Die Parteigründerin ist auf jedem Wahlplakat zu sehen, dazu Forderungen nach mehr Wohnungen, höheren Renten, billigerer Energie, weniger Migration und einer anderen Außenpolitik.
Darunter steht jeweils: „Zweitstimme ist Sahra-Stimme“. Der Fokus auf ihre Person sorgt mittlerweile für Unruhe in der Partei. Die ehemalige Linken-Politikerin mischt sich nach Meinung einiger Mitglieder zu sehr in die Politik der Landesverbände ein.
Dort zeigt sich die Partei zudem widersprüchlich. In Sachsen ließ das BSW die Koalitionsverhandlungen mit CDU und SPD platzen, wählte aber den CDU-Politiker Michael Kretschmer zum Ministerpräsidenten mit.
Kritiker sprechen Wagenknecht und ihrer Partei ein klares Profil ab. In einigen Fragen steht sie links der Mitte (mehr soziale Gerechtigkeit), in anderen Punkten eher rechts (Migrationspolitik). Zudem hängt ihr der Ruf einer Putin-Freundin an.
Das kommt in den ostdeutschen Bundesländern besser an als in Westdeutschland, wo die Partei allgemein weniger Unterstützung findet. Wagenknecht versucht es nun mit einer deutlicheren Distanzierung vom Kreml. „Ich verurteilte diesen Krieg“, sagte Wagenknecht beim ZDF-Jahresrückblick mit dem Moderator Markus Lanz. „Ich halte Politiker, die Kriege beginnen – und das gilt auch für Wladimir Putin – für Verbrecher.“
Dieser Artikel erschien bereits im Dezember 2024. Der Artikel wurde am 10.02.2025 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.
