Dauerläufer des Jahres: Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer: Fünfte Karriere in vierter Profession
Er ist zukunftsgerichtet, drängt immer mit überbordender Energie voran. Deswegen wird Theodor Weimer wohl am 21. Dezember, wenn er seinen 60. Geburtstag begeht, eher eine To-do-Liste für die kommenden Jahre anlegen und überlegen, was ihm wichtig sein wird, als einen Rückblick zu halten. Dabei könnte er das in beruflicher (ebenso wie privater) Hinsicht mit einer tiefen Zufriedenheit tun.
Gerade wurde er das dritte Quartal in Folge zum deutschen Manager mit dem besten Medienimage gewählt. Dabei standen die guten Unternehmenszahlen, die er mit der Deutschen Börse in einem nicht einfachen Marktumfeld lieferte, im Vordergrund.
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse wurde Theodor Weimer 2018. Anfang nächsten Jahres soll sein Vertrag für weitere Jahre verlängert werden. Dabei hat er diese Position in turbulenten, das Unternehmen auch verunsichernden Zeiten übernommen.
Nur wenige Monate zuvor war die Fusion mit der London Stock Exchange am Brexit und den daraus resultierenden Fragen gescheitert. Hinzu kamen Untersuchungen unter anderem im Zusammenhang mit Insidervorwürfen. Theodor Weimer kam, baute in der Mitarbeiterschaft Vertrauen auf und den Vorstand um, etablierte eine neue Dynamik und stabilisierte so das Unternehmen.
Hört man sich innerhalb des Unternehmens um, so kommt einem der Respekt entgegen, den er dort heute genießt. Anders als seine starke Persönlichkeit, sein immenses Aktivitätslevel und sein klares Auftreten vermuten lassen, bindet er dabei seine Vorstandskollegen eng ein und hat sie zu einem Team zusammengeschweißt. Er hört zu, sucht ihr Feedback und arbeitet am Konsens.
Die 53-Jährige ist eine der wenigen deutschen Multiaufsichtsrätinnen. Sie sitzt in den Gremien der Dax-Konzerne Linde und Munich Re. Die Mutter dreier Söhne ist zudem Professorin für Unternehmensfinanzierung an der TU München. Theodor Weimer kennt sie seit gemeinsamen Lehrjahren bei der Strategieberatung McKinsey.
Foto: HandelsblattDer heutige Theodor Weimer ist ein Hybrid zweier sehr unterschiedlicher beruflicher Erfahrungswelten, jene der Berater und jene der Entscheider, die er sehr harmonisch zu verbinden vermag. Seine Tätigkeit bei der Deutschen Börse ist sozusagen sein fünftes Berufsleben in der vierten Profession. Und dabei hatte er doch eigentlich mit einer Karriere als Musiker geliebäugelt – was bis heute mitschwingt, wenn er sich an das Klavier setzt, wie vor ein paar Jahren bei einer Veranstaltung in Passau.
Aber er studierte dann doch Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre sowie Geografie in Tübingen und Sankt Gallen und promovierte bei Prof. Dr. Horst Albach. Es folgte der für exzellente Abgänger typische Einstieg in die Unternehmensberatung, in der er relativ lang, 13 Jahre, blieb. Die ersten sieben Jahre arbeitete er bei McKinsey.
Schon damals fiel auf, wie er, noch Junior, aufgrund einer starken, aber auch breit ausgeprägten Persönlichkeit ungewöhnlich gute, auf der Karrierestufe damals nicht vorgesehene, eigenständige Kundenkontakte aufbauen konnte.
Danach wechselte Theodor Weimer zum Konkurrenten Bain. Dort wurde er Director und Mitglied des weltweiten Management Committee. 2001 erfand er sich dann beruflich neu als Investmentbanker bei Goldman Sachs. Nach drei Jahren machte man ihn dort zum Partner mit der Zuständigkeit für den deutschsprachigen Finanzdienstleistungsbereich.
Diese Jahre bei führenden Dienstleistungsorganisationen mit ihrer ganz besonderen Kultur haben ihn sicherlich nicht nur intellektuell angeregt und sein strategisches Denken geschärft, sondern ihn auch in partnerschaftlichem Miteinander geschult. Aber er war auch früh recht selbstbewusst oder bewusst selbstbestimmt: So wird der Anruf eines neuen weltweiten Chefs überliefert, der mit ihm regelmäßige Abstimmungstermine vereinbaren wollte.
Die Bank ganz gut überstanden
Weimer wiegelte dies ab mit dem Hinweis, er würde sich dann schon melden, wenn es etwas zu besprechen gäbe. Da er nicht arrogant, sondern unkompliziert, ja häufig charmant wirken kann, wenn er derart forsch ist, kommt er sicherlich mit sehr viel mehr durch, als dies landläufig der Fall ist.
2007 macht er dann einen auf den ersten Blick erstaunlichen Schwenk – er wechselte die Besprechungstischseite und ging ins operative Finanzdienstleistungsgeschäft, das er so lange als Dienstleister betreut hatte. Zuerst als Leiter des Investmentbankings der Unicredit geholt, wurde er schon zwei Jahre später Vorstandssprecher der Bayerischen Hypo-Vereinsbank und Executive Chairman des globalen Investmentbankings der Unicredit-Gruppe.
Es folgten Jahre, die zum einen durch die positive geschäftliche Entwicklung der Einheit unter seiner Führung gekennzeichnet waren, andererseits vor allem als Folge der Finanzmarktkrise erhebliche Herausforderungen für den Unicredit-Konzern mit sich brachten. Es waren umfangreiche Rationalisierungen und Restrukturierungen nötig.
Unter Weimer hat die Bank diese ganz gut überstanden, lautet das Urteil der Fachwelt. Er habe die HVB für die Zukunft aufgestellt, ohne die notwendigen Einschnitte zu scheuen. Aber schon hier kümmerte er sich nicht nur um überzeugende Zahlen, sondern auch um die Unternehmenskultur.
Authentizität und Haltung
Die Jahre als Chef einer der größeren deutschen Banken haben ihn aus dem Elfenbeinturm der Berater geholt, und mit erstaunlichem Naturtalent hat er die beeindruckende Anzahl von über 20 000 Mitarbeitern geführt. Dabei hat er auch früh und nachhaltig Frauen gefördert. 2010 stieß er die Gründung des HVB-Frauenbeirats an. Ziel war die Beratung des Vorstands bei wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen und Empfehlungen zur besseren Förderung von Frauen.
Herausragend war hierbei auch das vom Frauenbeirat angestoßene Gründerinnen-Mentoring, in dem Gründerinnen nach einem Auswahlverfahren in einem sechs Monate dauernden Programm von erfahrenen Unternehmerinnen und Gründungsexperten des Hauses unterstützt wurden. Vater zweier Töchter zu sein hat hier sicherlich den Blick für den Wert derartiger Maßnahmen geschärft.
Theo Weimer bekommt heute die Auszeichnung als „Dauerläufer“ – auch wenn er in seiner sportlichen Freizeit begeistert Rennrad fährt. Dauerläufer heißt, dass er seit vielen Jahren ohne großes Aufsehen seine Aufgabe schlichtweg gut macht ... es sei erlaubt, heute auch mal von „sehr gut“ zu sprechen.
Für mich ist der beste Beweis für den Dauerläufer-Erfolg allerdings, dass Weggefährten aus allen fünf prägenden Stationen seines beruflichen Lebens sich ausgesprochen positiv zu Theo Weimer, seiner Persönlichkeit und seinem Führungsstil äußern – obwohl dies absolut nicht selbstverständlich ist. Wenn „Meckies“ etwas Gutes über einen sagen, der „Bainie“ wurde, oder wenn Goldmänner den Investmentbanking-Chef der Unicredit loben, dann muss das schon jemand Besonderes sein.
Auch wenn man hört, dass der Betriebsrat der HVB es – trotz der Umstrukturierung und des breiten Stellenabbaus unter seiner Ägide – bedauerte, als Theo Weimer zur Börse wechselte, so zeigt dies seine „Dauerläufer-Qualitäten“.
Wenn man über die Fähigkeiten Theo Weimers hört, Menschen zusammenzubringen, Mitarbeiter zu akquirieren, Teams zu schmieden, aber auch wenn man ihn in öffentlichen Diskussionsrunden erlebt, so drängt sich einem das Wort „Menschenfänger“ auf – allerdings „Menschenfänger“ im besten Sinne, denn er verbindet dies mit einer Eigenschaft, die dieser Tage oft gepredigt, aber selten gelebt wird: Authentizität und Haltung. Er ist nicht nur Berater, Banker oder Börsenchef. Er ist Teil der Gesellschaft, einer, der sich nicht nur für Bilanzen interessiert, sondern auch für das (politische) Leben und die Menschen um ihn herum.
Foto: Denis Ignatov für Handelsblatt
Foto: Getty Images
Kasper Rorsted
Der Start ins neue Jahr war alles andere als vielversprechend: Schon im Februar musste Adidas-Chef Kasper Rorsted, 57, sich von seinem Beschaffungsvorstand trennen. Der hatte es versäumt, ausreichend Ware für den wichtigen US-Markt zu bestellen. Die Lieferengpässe belasteten den Turnschuh-Hersteller das ganze Jahr über: Einerseits hatten die Franken zu wenig Artikel in den Läden in Amerika, andererseits mussten sie verfügbare Shirts und Shorts teuer aus den Fabriken in Asien einfliegen lassen.
Rorsteds gutem Ruf unter den Investoren hat das Debakel nicht geschadet. Im Gegenteil: Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs um etwa die Hälfte gestiegen; seit der ehemalige Henkel-Chef sein Amt in Herzogenaurach vor gut drei Jahren antrat, hat sich der Wert der im Dax notierten Papiere sogar mehr als verdoppelt. Das hat seinen Grund. Die Analysten schätzen, dass Rorsted auch in schwieriger Lage verlässlich gute Zahlen liefert und für steigende Gewinne sorgt.
So war es schon bei Henkel; den Düsseldorfer Konsumgüterhersteller trimmte er erfolgreich auf Rendite. Adidas war zwar schon wachstumsstark, bevor Rorsted kam, aber wenig profitabel verglichen mit Branchenführer Nike. Das sollte Rorsted ändern – und es ist ihm gelungen. Kommendes Jahr wird es wieder spannend für die Investoren: Rorsted wird die neuen Mittelfristziele präsentieren. Wenn er sich selbst treu bleibt, wird er das Margenziel weiter anheben und damit die Anleger noch mehr erfreuen.
Autor: Joachim Hofer
Ulf Mark Schneider
Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé wird oft mit einem Supertanker verglichen – ein Bild, das Ulf Mark Schneider gar nicht gefällt, denn Tanker sind träge. Der Nestlé-Chef will alles auf einmal: Der Konzern soll schneller, lukrativer und trotzdem nachhaltiger werden, so das Versprechen des deutsch-amerikanischen Managers.
Was bei anderen Führungskräften nach Größenwahn klingen würde, trauen Aktionäre dem ehemaligen Fresenius-Chef durchaus zu. Das lässt sich am Nestlé-Aktienkurs ablesen, der in diesem Jahr fast um ein Drittel zugelegt hat. Schneider will mit Kaffee, Tiernahrung, Babykost und Wasser wachsen. Was nicht performt, wird umgebaut oder gleich ganz verkauft. So trennte sich der Konzern in diesem Jahr von seinem Hautgesundheitsgeschäft.
Und nach dem Umbau der Nahrungsmittelsparte widmet sich Schneiders Team nun den Wassermarken, die künftig direkt aus Vevey gesteuert werden. Die Botschaft: Nicht nur in den Märkten, sondern auch in der Konzernzentrale ist nichts sakrosankt. Schneiders Umbauten zeigen erste Wirkung. Neue Produkte bringt Nestlé inzwischen binnen wenigen Monaten auf den Markt, das Wachstum in den ersten neun Monaten des Jahres fiel ordentlich aus.
Doch der Appetit der Investoren ist damit nicht gestillt. Zugleich wächst der Druck auf den Konzern, nachhaltiger zu werden – etwa beim Thema Plastikverpackungen, wo Nestlé zu den größten Sündern zählt. Schneiders Zauberkünste sind also auch im neuen Jahr gefragt.
Autor: Michael Brächer
Severin Schwan
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Investoren des Jahres
Andreas und Thomas Strüngmann -
Verlierer des Jahres
Peter Fankhauser -
Prominente Todesfälle 2019
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Dossier zum Download
Der Roche-Chef beweist, dass es kein Nachteil sein muss, wenn einer aus den eigenen Reihen die Geschäfte leitet: Severin Schwan führt den Baseler Pharmakonzern schon seit dem Jahr 2008. Schwan kam nach seiner Jura-Promotion zu Roche und hat fast seine gesamte berufliche Karriere dort verbracht.
Der Erfolg des Unternehmens ist beachtlich. Ganze dreimal haben die Schweizer in diesem Jahr ihre Umsatzprognose erhöht. Zwar fallen ältere Medikamente als Umsatzgaranten weg, weil die Patente auf die sogenannten Blockbuster ablaufen. Doch dank einer Reihe von Neuentwicklungen konnte Roche unter Schwan das an der Börse gefürchtete „Patentkliff“ bislang umschiffen.
Neue Medikamente wie das Multiple-Sklerose-Mittel Ocrevus oder Hemlibra, mit dem sich die Bluterkrankheit behandeln lässt, sind gefragt. Schwan schafft das richtige Klima für Innovationen und wird dafür von Aktionären, Analysten und Mitarbeitern gleichermaßen gelobt.
Und auch der Manager scheint mit seiner Rolle zufrieden, was nicht nur an seinem fürstlichen Gehalt liegen dürfte – mit 11,8 Millionen Franken für 2018 gilt er als einer der am besten bezahlten Chefs in Europa. Schwan will bleiben – auch in der Schweiz. Nach elf Jahren in Basel liebäugelt der Deutsch-Österreicher mit der schweizerischen Staatsbürgerschaft, damit er künftig auch in der Eidgenossenschaft wählen kann.
Autor: Michael Brächer
Mehr: Lesen Sie in unserem Dossier „Menschen des Jahres 2019“, wer in diesem Jahr Großes geleistet hat, wer überrascht oder enttäuscht hat.