Prüfers Kolumne: Auslaufmodell Tyrann
Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.
Foto: HandelsblattDie Ansichten darüber, was ein Chef tun soll oder nicht tun soll, haben sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt. Vor etwa 30 Jahren, da waren Chefs in der Firma einfach Herrscher. Und es war eine Frage des Glücks, ob man einen eher väterlichen Gebieter oder einen sadistischen Potentaten erwischte. Eine Chefin gab es ohnehin selten.
Ausrichten konnte man gegen beide Typen nichts. Wenn Mitarbeiter sich über die Behandlung durch ihren Chef beschwerten, dann mussten in der Regel die Angestellten die Firma verlassen, aber nicht die Führungskraft.
Es wurde zuweilen ein regelrechter Chefkult betrieben. Man konnte das daran sehen, dass diejenigen in der Firma, die sich dem Chef besonders willfährig andienten, gerne dessen persönlichen Stil imitierten. Und zwar ganz unabhängig davon, ob der sehr gut war oder nicht.
Ich hab' mal gelesen, dass José Ignacio López, ein Manager, der als Manager an der Spitze von Opel und später von VW rigide Sparkurse durchsetzte, die Eigenheit hatte, die Uhr nicht am linken, sondern am rechten Handgelenk zu tragen. Und all die López-Anhänger im Konzern, also jene, die hofften, Karriere unter ihm zu machen, trugen die Uhr dann auch am rechten Handgelenk.
In Medienkonzernen war es üblich, dass, wenn der Chef die Idee hatte, sich die Haare lang wachsen zu lassen und zurückzugelen, diese Frisur auch bald in der Anhängerschaft großen Gefallen fand. Und wenn der Chef weiße Turnschuhe hatte, dann hatten alle anderen Männer bald auch weiße Turnschuhe an. Gerüchten zufolge passiert das auch heute noch.
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Das alles fiel den angestellten Männern offenbar recht leicht. Schließlich lebten sie ja in einer Diktatur – und in einer Diktatur ist es das Beste, wenn man dem Herrscher signalisiert, dass man ihn in keiner Weise infrage stellt. Schon gar nicht in modischer und keinesfalls durch das Etablieren eines eigenen Stils.
Heute ist es für Chefs in den meisten Branchen nicht mehr so gut, wenn sie sich wie Tyrannen aufführen. Chefbüros sollen nicht mehr einen großen schweren Schreibtisch und einen fetten Sessel haben. Stattdessen soll der Chef eigentlich gar kein Büro mehr haben, sondern sich vielmehr unter den Mitarbeitenden tummeln und sie die ganze Zeit fragen, was man für sie tun kann, damit sie sich wohlfühlen.
Der männliche Chef soll auch nicht mehr durch irgendeine modische Marotte auffallen, sondern will so aussehen wie alle anderen im Unternehmen. Man duzt sich und unterscheidet sich höchstens noch ein bisschen durch das Gehalt. Der Chef sucht nun eher bei den jüngeren Angestellten seine eigene modische Inspiration und sieht dann manchmal aus, als wäre er der Praktikant.
Das macht es für die heutigen männlichen karrierebewussten Mitarbeiter nicht einfacher. Es wird immer schwieriger, den Chef zu kopieren. Ganz schwierig mit dem Kopieren wird es heute übrigens, wenn man eine weibliche Vorgesetzte hat. Da kann Mann nur hoffen, dass sie weiße Turnschuhe trägt.