Halbjahresbilanz der Kunstmärkte: Die Spekulanten sind abgetreten
Berlin. Es war eine eher ruhige, kontrastreiche Saison. Die Kunstmärkte waren im ersten Halbjahr 2024 geprägt von Abkühlung, Konsolidierung und Business as usual. Ein Zeichen der Konsolidierung ist der Verzicht auf Spekulation im obersten Marktsegment der Impressionisten, modernen und zeitgenössischen Kunst. Die Skepsis der Sammler-Investoren, die schon im letzten Herbst zu spüren war, hat sich noch verstärkt.
Ein Anzeichen dafür sind in letzter Minute aus den Auktionen genommene Spitzenlose wie ein bei Christie’s auf 30 bis 50 Millionen Dollar geschätztes Diptychon von Brice Marden oder eine bei Phillips auf 12 bis 15 Millionen Dollar taxierte „Buste de femme“ von Pablo Picasso.
Eine ausgeprägte Höhenangst bleibt. Sie ist aber ein Element der Stabilität, weil sie in wichtigen Marktsektoren die Überhitzung verhindert. Gleichzeitig gibt es noch immer stattliche Preise etwa für Werke von René Magritte (43 Millionen bei Christie’s), Francis Bacon (25 Millionen Dollar bei Sotheby’s) und Jean-Michel Basquiat (40,2 Millionen Dollar bei Phillips). Alle drei Gemälde hatten höhere Preiserwartungen, aber die Zuschläge sind eine gesunde Abkühlung und noch kein Menetekel eines zyklischen Abschwungs.
Nach wie vor gilt die Devise: Nur das Beste ist gut genug. Das drängt den Markt für Objekte der mittleren und unteren Preiskategorie keineswegs in die Defensive, denn der wird seit der Pandemie erfolgreich von Internetangeboten beherrscht.
Ein Unternehmen wie das Kölner Auktionshaus Van Ham hat das schon früh erkannt und übertrumpft mit seinen vielseitigen Internetauktionen die deutschen Wettbewerber. Die Münchener Auktionen von Robert Ketterer stehen auch in diesem Frühjahr mit einem Bruttoumsatz von 54 Millionen Euro, wertvolle Bücher und Privatverkäufe eingerechnet, wieder an der Spitze der deutschen Auktionshäuser. Diese überragende Position ist fast schon zur Selbstverständlichkeit geworden.
Janusköpfig zeigte sich auch der Markt in der Schweiz und Österreich. Koller realisierte mit 5,1 Millionen Schweizer Franken für Ferdinand Hodlers beruhigendes Genfer-See-Panorama einen hohen Preis.
Das Auktionshaus Im Kinsky in Wien versteigerte Klimts „Fräulein Lieser“ für 30 Millionen Euro netto. Brutto sind das 38,5 Millionen Euro. Das erscheint dem Laien viel Geld. Doch der asiatische Bieter hatte Glück. Angemeldete Konkurrenten gaben am Tag zuvor reihenweise ihre Bieternummern zurück. Der Schätzpreis hatte bei bis zu 50 Millionen Euro gelegen.
Der von UBS und Art Basel publizierte „Art Market Report“ hatte für 2023 eine globale Marktschrumpfung von vier Prozent errechnet. Sie dürfte im laufenden Jahr deutlich höher ausfallen. Schon bei dem wichtigsten Marktereignis des Jahres, den New Yorker Mai-Auktionen der drei Häuser Christie’s, Sotheby’s und Phillips, fiel das Gesamtergebnis um 22 Prozent von 1,8 Milliarden im Jahr 2023 auf 1,4 Milliarden Dollar.
Materialmangel und gedämpfte Nachfrage gehen Hand in Hand
In diesen Versteigerungen herrschte wie in allen globalen Topauktionen ein eklatanter Materialmangel, verglichen mit den Sammlungen, die noch 2023 allein in New York unter den Hammer gekommen waren: Der Materialschwund geht einher mit gedämpfter Nachfrage, die der politischen und makroökonomischen Weltsituation geschuldet ist.
Problematische Markterscheinungen gibt es genug. Zur Absatzsicherung der Hauptlose dienende Garantien werden immer mehr zu einem Fremdkörper der Auktionen. Garantien bieten jetzt neben Händlern und Finanzgruppen auch immer mehr Sammler. Die Analysten von ArtTactic errechneten für die New Yorker Mai-Auktionen, dass der Hammerpreis der 131 garantierten Lose 73 Prozent des Auktionsumsatzes dieser Prestigeversteigerungen ausmachte.
Zu den jüngsten Garanten zählen jetzt sogar Museen, an vorderer Stelle das Toledo Museum in Ohio, das bei Sotheby’s rund 500.000 Dollar für gewünschte Kunstwerke eingesetzt hat. Bei zwei Losen, bei denen es überboten wurde, konnte es sogar einen Prozentsatz der über der Garantie liegenden Summe einstreichen.
Ein Marktproblem bisher unbekannten Ausmaßes schuf der Cyberangriff auf Christie’s Londoner Mai-Auktionen, die die Verwundbarkeit der Marktplayer im Netz dokumentiert und Cyberkriminelle zu weiteren weltweiten Attacken ermutigen könnte.
Zu den negativen Marktereignissen zählen auch die Kündigungen von Mitarbeitern in den drei großen Auktionshäusern, die immer in Zeiten eines Abschwungs erfolgen und sich allein in Sotheby’s Londoner Stammhaus auf rund 50 Angestellte beziehen, wie britische Medien verkünden.
Nicht nur der Auktionsmarkt hat Probleme. Auch bei den Galerien hat sich in dieser Frühjahrssaison so mancher Dämpfer ergeben. Galerieschließungen in New York, allen voran die Häuser Marlborough, Chaim & Read, Mitchell, Innes & Nash, Heller Gallery, Washburn, Alexander & Bonin, Betty Cunningham, verdüstern den Markt. In den meisten Fällen sind gestiegene Geschäftskosten wie Miete und Messebeteiligung der Grund, sich künftig nur noch dem Website-Auftritt zu widmen.
Dass sich die Messelandschaft inzwischen gesundgeschrumpft hat, kann man nicht sagen. In diesem Frühjahr hatten zentrale Veranstaltungen wie die „Tefaf“ in Maastricht, die "Frieze in New York und die „Art Basel“ wieder neuen Auftrieb dank ihrer Preview-Tage. Da wurden in Basel Werke in zweistelliger Millionenhöhe nicht nur bei David Zwirner und Hauser & Wirth an beherzte Käufer abgegeben: Joan Mitchell, Arshile Gorky und Georgia O’Keeffe an der Spitze.
Auf der New Yorker „Frieze“, die von 124 auf 95 Aussteller schrumpfte, wurden vor allem Werke im sechsstelligen Bereich und Arbeiten aufstrebender Künstler abgesetzt. In Maastricht machten Werke von Altmeisterinnen wie Lavinia Fontana und Artemisia Gentileschi Furore. Dort waren es nach Aussage mehrerer Händler die Museen, die mangelnde Kauflust von Privatsammlern wettmachten.
Frauenkunst ist eine große Gewinnerin der Saison. Besonders in den New Yorker Auktionen reüssieren sie mit großem Aplomb. Das betrifft nicht nur Kultfiguren der modernen und zeitgenössischen Malerei wie Yayoi Kusama, die die teuerste lebende Künstlerin ist, oder Joan Mitchell, von der vier Werke in Sotheby’s New Yorker Mai-Auktion für 2,4 bis 22,6 Millionen Dollar unter den Hammer kamen. Ein gänzlich unerwarteter Preis sind die bei Sotheby’s für das Gemälde „Les Distractions de Dagobert“ der britisch-mexikanischen Surrealistin Leonora Carrington erzielten 28,4 Millionen Dollar.
Der Anteil von Künstlerinnen ist schon allein in den New Yorker Prestige-Auktionen dieses Frühjahrs von 13,5 auf 17,1 Prozent gestiegen und auch in London und Paris wächst ihr Anteil ständig. Im gleichen Zeitraum wurden weniger Arbeiten jüngerer Künstler der Generation unter 45 Jahren abgesetzt. Das lässt auf den Ausstieg von Spekulationskäufern schließen.
Ein Blick auf verschiedene Sammelbereiche zeigt, dass es noch Kontraste, Nischen und Sonderentwicklungen gibt, die Marktvertrauen schaffen. Eine Basis der Märkte sind nach wie vor die Luxusauktionen, wie sie sich in sechsstelligen Preisen für Hermès-Handtaschen und neuerdings auch Hochpreisen für Louis-Vuitton-Koffer niederschlugen, die bei Sotheby’s bis hart an die 100.000 Dollar-Schwelle heranrückten. Furore machte im Februar im selben Auktionshaus ein Set von sechs Paar vom New Yorker Footballstar Michael Jordan getragenen Sneakern, die acht Millionen Dollar einspielten.
Kontinuierliche Aufwertung erfahren indische Künstler der Moderne wie der in Mumbai tätige Francis Newton Souza, von dem das Bildnis eines Priesters im März bei Christie’s statt der erwarteten 500.000 Dollar 3,9 Millionen Dollar erlöste, oder der aus Gujarat stammende Maler Ghulam Mohammed Sheikh, von dem eine Landschaft in derselben Auktion mit 1,3 Millionen Dollar fast das Zehnfache der Schätzung erreichte.
Nach wie vor schwer haben es Skulpturen, für die es wenige Spezialsammler gibt. Ausnahme: eine Bronze wie die „Schlafende Nymphe“ von Giambologna. Sie kam mit der Quentin Collection von Renaissance- und Barockskulpturen bei Christie’s unter den Hammer. Und erlöste selbstverständlich den stattlichen Preis von rund sechs Millionen Dollar. Dieser Zuschlag war einer der höchsten in der Januarserie New Yorker Auktionen Alter Kunst, in der hochrangige Altmeistergemälde unterrepräsentiert waren.
In den entsprechenden Londoner Juli-Auktionen wurden weniger Werke denn je ausgeboten: 24 bei Christie’s und 30 bei Sotheby’s. Wären nicht Christie’s angemessene Erlöse von 10,6 Millionen Pfund für die Kirschen-Madonna von Quentin Metsys, aufgebracht vom Getty Museum, und 17,5 Millionen Pfund für Tizians „Ruhe auf der Flucht“ gewesen, der Markt hätte sich ganz dem Gefühl einer Schrumpfung ergeben.
Im Kontrast dazu waren die Preisvorstellungen mancher Händler auf der Maastrichter Messe so hoch wie lange nicht. Paradebeispiele sind ein Männerporträt von Frans Hals, auf der „Frieze Masters“ für zehn Millionen Dollar angeboten, jetzt auf 7,5 Millionen Euro angesetzt, und die „Büßende Magdalena“ von Artemisia Gentileschi, kein Hauptwerk der Römerin, bei Robilant & Voena für sieben Millionen Euro. Das Gemälde hatte im August 2021 in einer Auktion in Florida 129.150 Dollar erzielt.
Interessant ist, dass in den Auktionen der sogenannten Mittelware bis 200.000 Euro mehr Bilder als vor der Pandemie Abnehmer finden. Ihre marktstimulierende Position bestätigte afrikanische Kunst im März bei Christie’s in Paris. Da kamen 76 bedeutende Objekte der Genfer Sammlung Barbier-Mueller zur Versteigerung.
Die meisten Schätzungen wurden rasant überboten, neunmal fiel der Hammer in Millionenhöhe. Teuerste Plastik wurde mit 14,8 Millionen Euro ein schwarzer Reliquiarkopf der Fang, der auf drei bis fünf Milliarden Euro angesetzt war – ein Preis, der mit Zuschlägen für Claude Manet, Edouard Monet und Pablo Picasso in dieser Saison konkurrieren kann. Hier wirkte das, was in dieser Saison weitgehend fehlte: die Anziehungskraft einer weltberühmten Sammlung.
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