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Morning BriefingDas Afghanistan-Desaster

Hans-Jürgen Jakobs 16.08.2021 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wer erinnert sich nicht an den damaligen Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) im Jahr 2004: „Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt.“ Inzwischen wird in Afghanistan gar nichts mehr verteidigt. Weder unsere Sicherheit, noch die Freiheit der Afghanen – ja nicht einmal das Leben jener Einheimischer, die sich auf die Versprechungen der westlichen Interventionstruppen einließen. Das ist die Lage, nachdem die radikalen Taliban widerstandslos auch die Hauptstadt Kabul eroberten und sich im Palast des geflohenen Präsidenten an ihre vermutlich blutige Arbeit machten, ein islamistisches Emirat zu errichten.

Vor unseren Augen spielt sich das Drama ab, ob alle Angehörigen westlicher Botschaften rechtzeitig die Ausreise vom umkämpften Kabuler Airport schaffen – und was eben aus den „Ortshelfern“ der westlichen Truppen wird. Die Bundeswehr kommt zum Noteinsatz, die Evakuierung läuft, und Strucks pathetischer Spruch klingt 17 Jahre später wie Hohn.

Tatsächlich fragt sich jeder: Wie kann es sein, dass die einst waffenstarrenden West-Herrscher in Afghanistan nicht einmal einen Übergang organisieren konnten, der Gefahr an Leib und Leben für das eigene Lager ausschließt. Seit dem Truppenabzug vom Mai 2021 eroberten die Radikal-Islamisten Stadt um Stadt, aber niemand bei der Nato hatte sich vorstellen können, wie schnell sich das geschulte, gesponserte afghanische Heer einfach den Taliban ergeben würde. Und mit US-Präsident Joe Biden und seinem dilettantischer Außenminister Antony Blinken („Das ist nicht Saigon“) reihen sich deutsche Minister in die Riege der Minderleister ein.

Das Personal der Botschaft soll am Flughafen untergebracht sein. Man setze jetzt alles daran, Staatsangehörigen und ehemaligen Ortskräften eine Ausreise zu ermöglichen, sagte Außenminister Heiko Maas.
  • Problemfall Nummer eins: Heiko Maas (SPD), der noch Ende Juni erklärt hat, die Bundeswehr habe den Boden für eine lebendige Zivilgesellschaft bereitet. Der Außenminister muss sich nun vorhalten lassen, eine unbürokratische Aufnahme der afghanischen Helfer viel zu spät auf den Weg gebracht zu haben. 1000 Afghanen haben zwar schon ihr Visum, sollen aber erst bis Monatsende aus dem Land geholt werden – wenn sie dann noch leben.
  • Problemfall Nummer zwei: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Die Verteidigungsministerin und der Außenminister geben sich gegenseitig die Schuld für die Misslichkeiten am Hindukusch. „AKK“ redete vor sieben Tagen ganz allgemein davon, die aktuelle Lage in Afghanistan stelle die Frage nach dem „Warum“ noch drängender und gehe „einher mit dem Wunsch, die Taliban zu stoppen“. Unter anderem hatte ein Ex-Oberst in der „Welt“ den Umgang mit den afghanischen Helfern „als ausgesprochen beschämend“ bezeichnet.
  • Problemfall Nummer drei: Horst Seehofer (CSU). Der Bundesinnenminister sah Afghanistan noch vor zehn Tagen nicht als Hochkrisengebiet an und wollte straffällig gewordene Afghanen dahin abschieben lassen. Ungeachtet des Vormarsches der Taliban sagte der Ingolstädter Politiker am 31. Juli: „Wir verhandeln gerade mit Afghanistan, damit wir Straftäter weiterhin dorthin abschieben können.“


Die bittere Afghanistan-Bilanz nach 20 Jahren: Frauenrechte, Bildung für viele und Demokratie sind unter Taliban-Herrschaft obsolet. Von Deutschland finanzierte Infrastrukturprojekte, etwa der Flughafen in Masar-i-Scharif, sind perdu. Der Aufbau eines modernen, nachhaltigen Energiesystems, wie ihn Siemens Energy mit der Regierung in Kabul vereinbart hatte, steht zur Disposition. Stattdessen könnte das neue Afghanistan den Westen vor einige Probleme stellen: geförderten Terrorismus, exportierte Drogen sowie eine Vielzahl von Migranten, die nur eines wollen – nämlich dem Chaos entkommen. Zurecht wirft Norbert Röttgen (CDU), Chef des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, dem Westen „großes außenpolitisches Versagen“ vor.

An ehrgeizigen Klimazielen kann sich die deutsche Politik eher berauschen als an vorzeigbaren Klimaschutztaten. Wer nachfragt, was die Groko bisher so geleistet hat, fällt in Schockstarre. Nach Berechnungen des Thinktanks Agora Energiewende dürften die Emissionen von Treibhausgasen 2021 um rund 47 Millionen Tonnen zulegender steilste Anstieg seit 1990. Der Rückgang der Emissionen im Vergleich zu damals belaufe sich auf nur 37 Prozent. Die 41 Prozent von 2020 seien nur eine „Eintagsfliege“ gewesen, so ein Agora-Direktor: Corona und Sondereffekte waren dafür verantwortlich.

Jetzt hat der Energiekonzern RWE mitgeteilt, die eigene Stromproduktion aus Braunkohle sei im ersten Halbjahr fast 50 Prozent höher gewesen als zuvor. Das Dilemma dieser Tage beschrieb schon Wilhelm Busch: „Wer andern gar zu wenig traut, hat Angst an allen Ecken. / Wer gar zu viel auf andre baut, erwacht mit Schrecken.“

Foto: dpa

Der einst zum Außenminister und Vizekanzler gereifte Ex-Sponti Joschka Fischer, 73, wollte im Alter nie als Souffleur für den Nachwuchs auftreten. Das habe er immer an Helmut Schmidt gehasst, bekannte der Grüne: „Von daher gibt es heute keine Ratschläge vom Opa aus dem Grunewald.“ Ein bisschen aktuelle Wahlkampfhilfe für eine verunsicherte Spitzenkandidatin kann es aber natürlich schon sein, und so trifft sich Opa Joschka heute in Frankfurt/Oder mit Co-Parteichefin Annalena Baerbock, 40.

Hier hatte Fischer 2004 mit seinem polnischen Kollegen den EU-Beitritt von Polen und neun weiteren Staaten gefeiert, Baerbock befand sich in der Menschenmenge. Und so soll es heute an der Oder darum gehen, wie „Europa seine Stimme wiederfindet und sich in der Welt Gehör verschafft.“ Die Grünen lenken den Blick weg von der Frontfrau auf Themen – und in der heißen Wahlkampfendphase hat Co-Chef Robert Habeck, 51, die meisten Termine. Nicht nur „Opa“ hilft.

Ein sehr lesenswertes Gespräch hat der bekannte Unternehmer Werner Bahlsen, einst Chef des CDU-Wirtschaftsrats, mit meinen Kollegen Peter Brors und Katrin Terpitz geführt. „Wer sich nicht impfen lässt, gefährdet seine Umwelt“, befindet der 72-Jährige. Des Weiteren sagt der „Keks-König“ über…

  • die Spitzenkandidaten im Bundestagswahlkampf: „Annalena Baerbock hat diverse Fehler gemacht. Mich wundert, dass jemand, der noch nie eine große Führungsposition innehatte, jetzt ein ganzes Land führen will. Olaf Scholz hat es aus meiner Sicht bisher ganz gut gemacht, auch wenn die letzten Werbespots daneben sind. Und Armin Laschet versucht, möglichst keine Fehler zu machen. Wahrscheinlich reicht das nicht als Zugpferd einer großen Partei.“
  • eine drohende Abgabe-Last für Plastikmüll: „Allein damit ist nichts erreicht. Wir arbeiten intensiv an Verpackungen, die recycelfähig oder kompostierbar sind. Unsere Kekse sollen aber auch nach Monaten noch gut schmecken – und nicht nach dem Knoblauch, der im Regal daneben lag.“
  • die Trennung von Bruder Lorenz, der Salzgepäck produziert: „Die Aufspaltung war absolut richtig. Wenn es in der Familie nicht harmoniert, darf das Unternehmen nicht darunter leiden. Natürlich war das schmerzhaft. Aber als die Erkenntnis da war, dass es so nicht weitergeht, ging alles ganz schnell.“
Foto: Michael Löwa für Handelsblatt

Fazit: Das Tempo allein macht es nicht – die Richtung muss stimmen.

Vom erst kürzlich gescheiterten Übernahmeversuch durch den Münchner Knorr-Bremse-Konzern ist keine Rede mehr. Jetzt hat die Hueck-Familie einen anderen Käufer für ihren Automobilzulieferer Hella gefunden: Faurecia aus Nanterre, nordwestlich von Paris, übernimmt 60 Prozent der Aktien. Die Rivalen Mahle und Plastic Omnium müssen zuschauen, wie – nach Bosch, Continental und ZF – ein vierter großer europäischer Zulieferer entsteht. Umsatzpotenzial: mehr als 20 Milliarden Euro. Familiensprecher Jürgen Behrend: „Das passt hervorragend zusammen. Wir sind auf einer Wellenlänge.“

Gut 6,8 Milliarden Euro geben die Franzosen für den Deal aus, die Hueck-Dynastie bleibt mit kleinen Anteilen an der börsennotierten Obergesellschaft dabei. Die Verkäufer machten noch ein paar Bedingungen aus, zum Beispiel, dass Hella-Standorte und die Mitbestimmung erhalten bleiben. Mal sehen, ob diese Bedingungen das Papier wert sind, auf dem sie stehen.

In der unendlichen Geschichte der juristischen Aufbereitung des größten Münchhausen-Falls in Deutschland gibt es eine neue Weiterung. Die bei der Pleite von Wirecard geschädigten Vermögensverwalter von Union Investment haben in München Schadenersatzklage eingereicht, berichtet die „Financial Times“. Betroffen ist die Insolvenzverwaltung unter Michael Jaffé.

Die Finanzfirma aus dem Verbund der Volks- und Raiffeisenbanken reklamiert einen Verlust von 243 Millionen Euro aus den Aktien des einstigen Dax-Konzerns. Man sei durch falsche Wirecard-Statements fehlgeleitet worden. Die Klage wird von anderen Alt-Aktionären aufmerksam beobachtet – und von den Gläubigern, also Banken und Anleihebesitzern, die von möglichen Entschädigungen mehr abgeben müssten.

Und dann ist da noch der Mann, der „Bomber der Nation“ genannt wurde. Dessen Tore einst – in der zweiten Hälfte der 1960er- und erst recht in den 1970er-Jahren – den FC Bayern München und die Nationalmannschaft zu größten Erfolgen brachten. Gerd Müller also, der Hauptschüler aus Nördlingen, der in der beginnenden Kommerzialisierung des Fußballs zwar auch wie die anderen Werbung machte und dämliche „Dann-macht-es-Bumm“-Schlager sang, der aber doch stets der ehrliche, liefertreue Arbeiter im Strafraum blieb – fern der Schickimicki-Welt.

Dem einstigen Stürmer-Star, der am Sonntagmorgen in einem Münchener Pflegeheim Alzheimer-krank im Alter von 75 Jahren gestorben ist, huldigen heute die Zeitungen der ganzen Welt. Man zitiert Sportler, Funktionäre, Politiker. Alle können dem früheren englischen Nationalspieler Gary Lineker folgen: „Ich habe ihn als Kind gesehen und dabei so viel gelernt. Der beste Torjäger im Strafraum, den ich je gesehen habe.“ Es „müllert“ noch einmal in großer Dimension.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche.

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Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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