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Morning Briefing PlusKampf gegen den Klimawandel wird zum Konsens der Weltpolitik – Showdown in der K-Frage hinterlässt Blessuren

Die EU hat sich auf wesentlich verschärfte Klimaziele geeinigt und auch die USA haben ihre Ziele erhöht. Was uns vergangene Woche außerdem bewegt hat.Sebastian Matthes 24.04.2021 - 08:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die vergangene Woche wird in die Geschichtsbücher eingehen als die Woche, in der der Kampf gegen den Klimawandel endgültig zum neuen Konsens in der Weltpolitik geworden ist: Die EU hat sich auf wesentlich verschärfte Klimaziele geeinigt, kurz darauf haben auch die USA ihre CO2-Emissionsziele verschärft. Und China hat erstmals einen Zeitrahmen genannt, in dem das Land seine Abhängigkeit vom Kohlestrom reduzieren will. Jetzt, in der Spätphase der Coronakrise, kehrt das Thema Klimaschutz mit aller Wucht zurück.

In der Vergangenheit haben sich die Deutschen in solchen Momenten gern in moralischen Verzichtsdebatten verstrickt, mit aufgeregten Diskussionen über Flugboykotte, reduzierten Fleischkonsum oder SUV-Verbote. Doch all das wird das Klima nicht retten. Innovationen sind der viel größere Hebel. Wer daran bislang noch gezweifelt hat: Die Corona-Pandemie, das größte unfreiwillige Mobilitäts- und Konsumverzichtsprogramm seit Jahrzehnten, hat den globalen CO2-Ausstoß prozentual lediglich so stark reduziert, wie er von nun an jedes Jahr sinken muss, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen.

Vergangene Woche hatte ich ein Interview mit VW-Chef Herbert Diess und dem CEO des italienischen Energiekonzerns Francesco Starace. Die beiden Manager eint vor allem eins: die Forderung an die Politik, beim grünen Umbau der Wirtschaft Tempo zu machen, Bürokratie abzubauen – und mehr Geld auszugeben. „Wenn ich mir das ambitionierte Klima- und Aufbauprogramm von US-Präsident Biden ansehe, sollte die EU dringend darüber nachdenken, auch ihren eigenen Wiederaufbaufonds aufzustocken“, sagte Diess meinem Kollegen Stefan Menzel und mir.

Die beiden Manager wissen, wie groß das ökonomische Potenzial des grünen Umbaus für die Autohersteller und die Energiewirtschaft ist.

„Statt Zukunftstechnologien vereinfacht zu fördern, stellt sich die EU durch bürokratische Hürden selbst ein Bein.“

Foto: Handelsblatt

Ein anderes Beispiel ist der Maschinenbau. Bis 2050 könnte die Branche weltweit rund zehn Billionen Euro zusätzlichen Umsatz mit klimaschonenden Technologien erwirtschaften, ergab kürzlich eine Studie der Boston Consulting Group. Denn Unternehmen in aller Welt müssen in sparsamere Maschinen und Anlagen investieren.

Oder nehmen wir die deutsche Chemieindustrie. Ob bei Materialien für Solaranlagen, Rotoren von Windrädern oder umweltfreundlichen Dämmstoffen: Die Branche sieht sich selbst vor einem riesigen Boom. Als ich neulich mit Evonik-Chef Christian Kullmann zusammensaß, vertrat er sogar die These, dass „sich die deutsche Chemieindustrie – angetrieben vom grünen Technologie-Boom – in den nächsten Jahren zur wichtigsten Wachstumsindustrie in Deutschland entwickeln kann“.

Auch über grünen Wasserstoff hatten wir hier bereits gesprochen: Rund um den Hoffnungsträger der deutschen Industrie entsteht längst eine neue Branche. Aktuelle Zahlen zeigen, dass die Nachfrage in den nächsten Jahren dramatisch steigen wird.

Der Klimawandel lässt sich nicht mit Verzicht stoppen – sondern nur mit Innovationen. Den besten Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten nicht diejenigen, die auf den Mallorca-Urlaub verzichten, sondern Eltern, die ihre Kinder davon überzeugen, Ingenieure zu werden.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Der Showdown um die Kanzlerkandidaten-Frage hinterlässt schwere Blessuren in der CDU. Und am Ende dieser irren politischen Woche steht nicht etwa die Frage, ob demnächst Giftpfeile aus München Richtung Armin Laschet geschossen werden – sondern nur noch: wann es soweit ist. Mein Kollege Christian Rickens kritisiert sehr treffend den Anachronismus, dass das Parteiengesetz zwar genau regelt, wie ein Rechnungsprüfer auf Unterbezirksebene gewählt werden muss, aber nichts sagt zur Kür des wichtigsten Postens, den eine Partei überhaupt zu vergeben hat: „Es ist an der Zeit, auch die Wahl eines Kanzlerkandidaten behutsam zu verrechtlichen.“

2. Nicht weniger intransparent lief die Kandidatenwahl bei den Grünen. Dafür aber viel harmonischer, abgesehen vielleicht von Robert Habecks Schmerz, den er in einer Art öffentlicher Therapiestunde in einem „Zeit“-Interview aufgearbeitet hat. Dass die Wahl Baerbocks jedenfalls aus Sicht der Grünen nicht ganz verkehrt war, zeigen die Umfragen. Und auch viele Industrievertreter schätzen sie als höchst kompetente Gesprächspartnerin, die sich mit der Dekarbonisierung der Wirtschaft auskennt, wie meine Kollegin Silke Kersting in ihrem Baerbock-Porträt schreibt.

3. Meine Kollegin Larissa Holzki verfolgt den beeindruckenden Aufstieg des rumänischen Technologieunternehmens UIPath schon seit einiger Zeit. Gegründet in Bukarest wurde es innerhalb weniger Jahre zum wertvollsten Tech-Start-up in Europa. Es hat eine Technologie mitentwickelt, mit der Konzerne wie DHL, HP und GE einfache Tätigkeiten am Computer automatisieren. Nun ging das Unternehmen in New York an die Börse – und ein deutscher Investor verdiente Milliarden damit. Damit ist das europäische Unternehmen endgültig in der Weltliga angekommen.

4. Aufwendige Analysen von Unternehmensbilanzen gehören seit jeher zum Markenkern des Handelsblatts. Dadurch lassen sich in vielen Fällen Trends und Entwicklungen ablesen, die ansonsten verborgen geblieben wären. In der vergangenen Woche haben unsere Unternehmensreporter in Bilanzchecks analysiert, wie Bayer den Monsanto-Schock verdaut hat, dass bei Merck einige riskante Wetten aufgegangen sindund wie schwer RWE der Umbau vom Kohle- zum Ökostromkonzern fällt.

5. Kaum ein Thema beschäftigt die Leserinnen und Leser des Handelsblatts so sehr wie die Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt, das zeigen die hohen Zugriffszahlen. Im Zentrum stehen folgende Fragen: Wie weit steigen die Preise noch? Sollte ich noch kaufen? Oder besser mieten? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an. Worauf es im Detail ankommt, das beschreibt unser großer Wochenend-Report, in dem unser Immobilien-Team die Entwicklungen bis auf Landkreisebene herunterbricht.

6. Die Pandemie hat gezeigt, dass viele Menschen praktisch von überall arbeiten können – vorausgesetzt, es gibt einen Internetanschluss. Kein Wunder, dass einige ihren Arbeitsplatz aufs Land oder gleich ans Meer verlegt haben. Allein auf den Kanaren hat sich die Zahl dieser digitalen Nomaden im vergangenen Jahr auf 6000 fast verdoppelt. Wie funktioniert der digitale Ausstieg? Und: Hat der Trend auch nach der Pandemie Bestand? Handelsblatt-Korrespondenten aus Spanien, den USA und Thailand sind der Frage in einem höchst lesenswerten Report nachgegangen. Nennen Sie es altmodisch, aber ich bin so gut wie jeden Tag im Büro.

7. Gut gelaunt erschien Kanzlerin Angela Merkel am Freitag zum Höhepunkt des Wirecard-Untersuchungsausschusses. Auf die Frage, wie wichtig ein Wirtschaftsprüfer-Testat für eine Firma ist, antwortete Merkel mit: „Na, sollte man schon haben.“ Der Charme-Offensive hinter verschlossenen Türen erlagen auch die Abgeordneten. Selbst die Kritik der Opposition fiel lau aus – und das, obwohl die Parlamentarier Merkel eigentlich grillen wollten. Der Auftritt brachte daher wenig Überraschendes zutage, dafür aber ein paar ungewöhnliche Einblicke in die Arbeit der Kanzlerin. Die ehemalige Wirecard-Chefjustiziarin erhebt derweil schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Chef Markus Braun, erfuhr das Handelsblatt.

8. In Florida scheint die Pandemie schon vergessen, wie unsere Washington-Korrespondentin Annett Meiritz bei ihrer Recherche in Miami Beach selbst erleben konnte. In den offenen Bars und Restaurants herrscht Partystimmung. Annett wurde von der Kellnerin sogar aufgefordert, doch ihre Maske abzusetzen: „Die brauchen sie hier nicht.“ Florida ist ein gigantisches Anti-Lockdown-Experiment unter Palmen. Ein gefährlicher Kurs. Denn die Coronazahlen sind immer noch vergleichsweise hoch.

Partys ohne Masken und Abstand: Im Sunshine-State wird so getan, als sei Corona längst vorbei.

Foto: action press

9. Zum Schluss noch ein Hinweis auf eine Aktion, auf die sich die Redaktion seit Monaten vorbereitet: In der Woche ab dem 3. Mai feiert das Handelsblatt sein 75. Jubiläum. Wir wollen diese Gelegenheit nutzen, nach vorn zu schauen – auf die wichtigsten Technologien und Innovationen, die unsere Wirtschaft in den nächsten Jahren verändern werden. Wir haben dazu hochkarätige Interviews und Gastbeiträge geplant. Umfangreiche Titelgeschichten. Und wir wollen uns mit Ihnen austauschen: bei verschiedenen virtuellen Diskussionsformaten. Höhepunkt dieser Woche ist der Handelsblatt Innovation Summit am 7. Mai mit zahlreichen spannenden und prominenten Gästen. Ich freue mich darauf, Sie dort zu sehen. Melden Sie sich am besten gleich hier an.

Ihnen ein schönes Wochenende.

Herzliche Grüße
Ihr

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Sebastian Matthes

Chefredakteur Handelsblatt

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