Auktionsvorbericht: Kornfeld versucht eine Marktprobe allererster Ordnung
Berlin. Der im April 2023 im hohen Alter von 99 Jahren verstorbene Berner Kunsthändler und Auktionator Eberhard W. Kornfeld war zeitlebens ein passionierter Kunstsammler. Er gehörte zur aussterbenden Spezies derer, die sich mit Kennerschaft und Qualitätsbewusstsein gleich mehrere Sammelgebiete erschließen konnten, nicht nur eines. Dabei verband der Schweizer kunsthistorisches Wissen und marktstrategisches Kalkül mit persönlichem Geschmack.
Die museale Weihe seines reichen Bestandes an Grafik, von Werken des Impressionismus und der Klassischen Moderne bescherten Ausstellungen in Basel, Bern, Davos, Salzburg, Wien und Berlin. Jetzt werden in seiner jahrzehntelangen Wirkungsstätte, der baulich erweiterten Galerie Kornfeld in der Berner Laupenstraße 41, drei Sonderauktionen mit Werken aus seinem Nachlass abgehalten.
Sie krönen das auch mit weiteren hochkarätigen Einlieferungen in der Auktion „Ausgewählte Werke” bedachte Angebot des Hauses am 12. und 13. September 2024. Insgesamt soll die Auktionsserie rund 70 Millionen Schweizer Franken einspielen.
Als Sammler von Altmeister-Grafik war Kornfeld ein Generalist mit besonderem Faible für die niederländische Schule. 2007 vermachte er den größten Teil seiner seit den 1940er-Jahren aufgebauten Sammlung von Rembrandt-Radierungen dem Kunstmuseum Basel.
Freude am herausragenden Einzelstück und an historischer Breite verrät der Katalog der Auktion am 12. September. Sein Radius reicht von Dürer bis Tiepolo und Goya. Die vielen Blätter aus der Kornfeld-Sammlung werden mit einigen Blättern aus amerikanischem Privatbesitz ergänzt. Der Katalog wurde in Zusammenarbeit mit der in New York und Düsseldorf angesiedelten Kunsthandlung C. G. Boerner erarbeitet.
Aus dieser US-Kollektion stammen Paradestücke zu marktgerechten Schätzungen: ein Frühdruck von Dürers „Melencholia” (Taxe 225.000 Schweizer Franken) und Rembrandts extrem seltene, mit Kupferstich kombinierte Radierung „Die Muschel” in einem Exemplar des 5. Druckzustands von Rembrandt, das 1997 bei Christie’s 118.000 Dollar erlöst hatte und jetzt auf 500.000 Franken angesetzt ist.
Zu den wichtigsten Blättern der Sammlung Kornfeld zählt Rembrandts Hauptwerk „Die drei Kreuze” im IV. Druckzustand, das Kornfeld wie auch das große „Ecce Homo”-Blatt ( im V. Zustand) in den späten neunziger Jahren bei C. G. Boerner erworben hatte. Beide exemplarischen Drucke sind jetzt mit 700.000 Franken beziffert.
Prachtvoll ist die Reihe von Frühdrucken der Goya-Radierungen. Goyas Pinselzeichnung „Ein Kavalier hilft einer Dame die Treppe hinauf”, die sich Kornfeld in seiner Juni-Auktion 1978 für 215.000 Franken zugeschlagen hat, wird auf 600.000 Franken geschätzt.
Über fünfzig Jahre war der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner einer der Hausgötter Kornfelds. Die vom Künstler in Davos bewohnten Häuser wurden von ihm erhalten und mit Originalmöbeln ausgestattet. 41 Lose umfasst die Spezialauktion, in der seltene Druckzustände der Kirchner-Grafik erscheinen: Exemplare, die im Werkverzeichnis von Günther Gercken erwähnt sind
Daneben fallen frühe Zeichnungen und Gemälde auf, darunter das Ölbild „Fränzi mit Freundin (Zwei liegende Akte)”. Kornfeld hatte es 1974 in seiner Auktion für 152.000 Franken ersteigert, jetzt ist es auf eine Million Franken geschätzt.
Im selben Jahr 1910 entstand das Gemälde „Die Windmühle bei Moritzburg”, das auf 2,25 Millionen Franken angesetzt ist. Die höchste Schätzung unter den Grafiken hat mit 600.000 Franken das kapitale Blatt „Frauen am Potsdamer Platz” aus einer Gruppe im Jahr 1914 entstandener Holzschnitte gleichen Themas.
Ausgesucht guter Geschmack
„Meisterwerke aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld” ist der Titel einer Auktion mit 50 Losen, in der neben dem Schwerpunkt der Papierarbeiten von Degas bis Henry Moore auch Gemälde und Skulpturen unter den Hammer kommen. Hier zeigt sich der individuelle Geschmack des Sammlers in Starlosen von Edvard Munch, Käthe Kollwitz, Egon Schiele, Pablo Picasso, Alberto Giacometti und Sam Francis. Es sind Werke von Künstlern, wie sie immer wieder in den eigenen Auktionen erschienen.
Die höchsten Schätzungen tragen hier sechs Werke von Alberto Giacometti, mit dem Kornfeld in freundschaftlichem Kontakt stand. Er konnte selbst den Künstler überreden, seine Gemälde nicht zu heftig in mehreren Schichten zu übermalen. Ein solches dicht gemaltes Ölbild ist der Blick in das eigene Atelier, 1951 entstanden und auf sechs Millionen Franken geschätzt. Mit fünf Millionen Franken beziffert ist das luftigere Bildnis „Femme assise”, das neun Jahre später entstand. Mit 7,5 Millionen Franken ist die mit der Büste seines Bruders Diego besetzte „Stele III” die teuerste der vier Skulpturen.
Egon Schieles berückendes Aquarell
Exzeptionell ist Egon Schieles Aquarell-Zeichnung der Friederike Beer in gestreiftem Kleid von 1914. Dafür werden 1,5 Millionen Franken erwartet. Drei Kollwitz-Zeichnungen folgen vier Munch-Grafiken, deren Schätzungen bis 800.000 Franken reichen und von denen die mit 300.000 Franken bezifferte 1981 bei C. G. Boerner mit 174.000 D-Mark angeboten worden war.
Höchste Marktraritäten sind zwei Zeichnungen von Georges Seurat, in denen die schwarze Fettkreide schattenhafte Hell-Dunkel-Effekte schafft. Von den vier Degas-Losen erschien das Fächerblatt mit der japanisch inspirierten Tanzdarstellung in Gouache auf Seide 1977 im Kornfeld-Katalog „112,5 Jahre” mit einem Preis von 150.000 Franken. Jetzt ist es auf 900.000 angesetzt.
Mit 14 Werken ist Paul Klee der Mittelpunkt der Auktion mit 125 Werken aus gemischtem Besitz. Das Angebot aus wichtigen Schaffensphasen wird eine Sonde in den wählerischen Klee-Markt sein. Hier hat das in der frühen Bauhauszeit entstandene Ölbild „Choral und Landschaft” mit 1,2 Millionen Franken die höchste Schätzung. Fünf Kollwitz-Zeichnungen und zwölf Spätwerke von Marc Chagall, darunter drei seiner grafischen Zyklen, verweisen auf altbewährte Schwerpunkte des Hauses. Die Epochenbreite dieser Auktion reicht von Arnold Böcklin bis Tony Cragg.
Früchtestillleben von Paul Gauguin
Die mit den höchsten Schätzungen bedachten Lose dieser Sektion sind ein kleines Früchtestillleben von Paul Gauguin aus altem Schweizer Besitz (3,5 Millionen Franken) und eines der landschaftlichen Hauptsujets von Ferdinand Hodler: „Thunersee mit Stockhornkette” für zwei Millionen Franken. Die gleiche Schätzung hat Alexej von Jawlenskys Selbstbildnis von 1912, das auf wichtigen Ausstellungen von 1947 bis 1991 figurierte.
Man wird sehen, wie der Markt dieses reichhaltige Material aufnimmt. Die fünf Saalauktionen und zwei Online-Versteigerungen sind ein Paukenschlag, mit dem das Berner Haus die herbstliche Auktionssaison eröffnet, und eine Marktprobe allererster Ordnung.