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Morning Briefing Plus – Die WocheErschöpfte Unternehmer – VWs Tesla-Moment

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft schwankt zwischen totaler Depression und Optimismus. Was uns vergangene Woche außerdem bewegt hat.Sebastian Matthes 20.03.2021 - 08:36 Uhr Artikel anhören

Guten Tag liebe Leserinnen und Leser,

die Stimmung in der Wirtschaft ist gespalten. Auf der einen Seite ist da die „totale Depression“, wie Unternehmerinnen und Unternehmer im großen Wochenend-Report des Handelsblatts berichten. Sie betreiben Hotels, Gaststätten, Freizeitparks oder Schuhläden. Und sie alle schauen mit Sorge auf die wieder deutlich steigenden Inzidenzwerte. Viele von ihnen haben unserer Redaktion in den vergangenen Wochen geschrieben. In sehr persönlichen Gesprächen beschrieben sie ihre Lage mit den Worten „Erschöpfung“ oder „Verzweiflung“.

Viele Unternehmer blicken mit Skepsis und Angst auf die kommenden Monate.

Foto: Rob Dobi

Zu Recht, wie die Analysen meines Kollegen Bert Rürup bestätigen: „Im Handel, in der Gastronomie und bei vielen Dienstleistern wird es zu einer Insolvenzwelle kommen, die bislang durch staatliche Maßnahmen noch zurückgestaut wurde“, sagt der Handelsblatt-Chefökonom.

Zudem würden mit den Staatshilfen in Form von Fixkostenzuschüssen vor allem Vermieter, Banken und Leasinggesellschaften geschützt. Die Folge ist, dass sehr viele der Unternehmen, die die Krise überstehen, nachhaltig geschwächt sein werden. Das Handelsblatt Research Institute rechnet in seinem aktuellen Konjunkturausblick für 2021 daher nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent. Ein mickriges Ergebnis nach dem krassen Einbruch des ersten Corona-Jahres.

Aber ganz so pessimistisch müssen wir das Wochenende nicht beginnen. Es gibt aus meiner Sicht durchaus gute Gründe für Optimismus:

Erstens: Die Industrie wird abermals die deutsche Wirtschaft über Wasser halten, wie die starken aktuellen Zahlen zur Industrieproduktion zeigen.

Zweitens: Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Jahren sogar eine Renaissance der deutschen Industrie erleben werden. Denn die beiden Schlüsselsektoren Automobil und Maschinenbau haben ihre technologische Schwächephase überwunden.

Drittens: Diese Industrie wird deutlich digitaler sein. Neue Zahlen zeigen: So rückständig, wie es immer wieder heißt, sind die Europäer in dem Feld nicht. Jedenfalls nicht bei Künstlicher Intelligenz, wie meine Kollegen Martin Buchenau und Kevin Knitterscheidt diese Woche analysiert haben: Von allen weltweit relevanten KI-Start-ups im Maschinenbau sitzen mehr als 40 Prozent in Europa.

Viertens: Die – auch von mir – oft als zu langsam verspottete Autoindustrie kommt beim Elektroumbau schneller voran, als viele dachten. Wie VW setzt nun auch BMW auf eine neue Modellstrategie und damit „electric first“. Vor wenigen Tagen erst stellte VW-Chef Herbert Diess fest: „Die Batterie hat gewonnen“. Der Konzernchef will nun Milliarden in die Batteriezellproduktion investieren, um unabhängiger von asiatischen Herstellern zu werden. Analysten feiern das als Wendepunkt in der Geschichte des Konzerns: VW sei Tesla von allen Autoherstellern am dichtesten auf den Fersen, meinen nicht wenige. Die Börse belohnt das mit Kursbewegungen, wie man sie sonst eher von Tesla selbst kennt. Mit dafür verantwortlich sind übrigens die jungen Trader aus den USA, die auch an Gamestop glaubten, wie unser großer Report zeigt.

Was uns vergangene Woche außerdem bewegt hat:

1. Nur wenige Tage nach der Freigabe des billionenschweren Konjunkturpakets in den USA hat die US-Notenbank Fed ein folgenreiches Versprechen abgegeben: dauerhaft niedrige Zinsen. Die Börse quittiert das mit neuen Rekorden. Für meinen Kollegen Jens Münchrath ist all das vor allem eins: Grund zur Sorge. Fed und Fiskalpolitik in den USA haben jedes Maß verloren, analysiert er, sie riskieren ohne Not eine gefährliche Überhitzung.

2. Facebook droht neuer Ärger. Der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, kündigte im Handelsblatt neue Untersuchungen gegen das soziale Netzwerk an. Die Kartellwächter wollen künftig viel genauer auch in die Algorithmen des Konzerns. Der Vorstoß ist richtig. Bleibt die Frage, wer den Job übernehmen soll, wenn schon die Wirtschaft nicht genug Digitalexperten findet, die sich mit Algorithmen auskennen.

3. Sie waren loyal bis zum Schluss: Recherchen des Handelsblatt-Finanzressorts zeigen, wie die Investmentbanker der Credit Suisse jahrelang lukrative Geschäfte mit Wirecard machten. Interne Mails zeigen nun: Noch kurz vor der Pleite biederten sich die Banker den Top-Leuten des Zahlungsdienstleisters an. Wir erinnern uns: Die Schweizer spielten nicht nur bei Wirecard eine zweifelhafte Rolle – sondern auch bei der Pleitebank Greensill.

4. Seit Längerem wurde es erwartet, nun sprechen es Experten immer offener aus: Das Ende des Immobilienbooms naht. Mein Kollege Carsten Herz analysiert, in welchen Regionen die Preise unter Druck geraten können – und wann es soweit ist.

Foto: Reuters

5. Zu den Erfolgsgeheimnissen der Grünen gehörte in den vergangenen Monaten auch, dass sie sich nie so richtig festlegten. Bei vielen Themen war für Wähler weitgehend unklar, was unter einer Regierung mit ihrer Beteiligung – außer mehr Klimaschutz – tatsächlich auf die Bürger zukommen könnte. So wurden die Grünen zu einer Projektionsfläche allerhand großstädtischer Wohlfühlträume. Nun werden sie konkret, mit Mietendeckel, Vermögensteuer und Verbrennerausstieg. Die Antwort der Wirtschaft folgte prompt: Das sei eine Giftspritze statt einer Vitaminspritze, ätzten die Familienunternehmer.

6. Wie reich sind eigentlich die Superreichen in Deutschland? Diese Frage war wegen fehlender Daten bislang schwer zu beantworten. Doch ein neuer Report der Bundesregierung schließt diese Lücke. Hier lesen Sie, ob Sie dazu gehören.

7. Alle wollten sie profitieren vom Brexit: Paris, Amsterdam, Dublin und Frankfurt. Handelsblatt-Finanzkorrespondenten ziehen diese Woche eine erste Zwischenbilanz. Und die zeigt: Frankfurt muss kämpfen. Deutschland, so viel ist klar, hätte sich deutlich mehr ins Zeug legen können.

8. Eine Geschichte hat mich vergangene Woche besonders fasziniert, denn sie hat alles, was ein guter Thriller braucht: einen mysteriösen Mordversuch, unfassbar viel Geld – und den Kampf um die technologische Vorherrschaft zwischen Ost und West. Es geht darum, wie China den deutschen DIN-Standard verdrängt, und damit geht es letztlich auch um die Zukunft der deutschen Industrie.

Wenn Sie gleich das Haus verlassen, zum Joggen oder Spazierengehen, und noch auf der Suche nach einem neuen Podcast sind, dann empfehle ich Ihnen diese Woche das neueste Mitglied unserer Podcast-Familie: Handelsblatt Green. Kathrin Witsch und Kevin Knitterscheidt sprechen hier jeder Woche mit Unternehmern, Managerinnen und Investoren, die den grünen Wandel der deutschen Wirtschaft organisieren. Diese Woche ist der scheidende RWE-Chef Rolf Martin Schmitz zu Gast, und es geht um die Frage, wie schnell Deutschland die grüne Wende wirklich schaffen kann.

Zum Abschluss möchte ich mich noch sehr herzlich für die zahlreichen Zuschriften zur ersten Ausgabe dieses Wochenend-Morning-Briefings bedanken. Ich hatte Sie gebeten, mir zu schreiben, mit welchen Themen Sie sich beschäftigen und worüber Sie gerne mehr im Handelsblatt lesen möchten. Am häufigsten genannt wurden, wir haben es nachgezählt, technologische Trends und Innovationen, der Aufstieg Chinas, die Dekarbonisierung der Wirtschaft sowie die Arbeit der EU. All das sind Themen, mit denen wir uns künftig intensiver beschäftigen werden.

Wir haben zum Beispiel gerade unser Brüsseler Büro personell ausgebaut, um genauer zu beleuchten, wie die EU bei der Krisenbekämpfung vorgeht und große Projekte wie den Green Deal auf den Weg bringt.

Vielen Dank für all die Anregungen. Und schreiben Sie mir gern auch in Zukunft. Nun wünsche ich Ihnen ein erholsames Wochenende.

Verwandte Themen
Deutschland
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Tesla
Europäische Union
Wirecard
Fed

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Sebastian Matthes

Chefredakteur Handelsblatt

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