Nachfolger des Jahres: Alexander und Konstantin Sixt zeigen, wie der Generationswechsel gelingt
Foto: Alessandra Schellnegger / Agentur Focus Julius Brauckmann Illus
„Wie hast du’s mit der Nachfolge?“ ist die Gretchenfrage aller Familienunternehmer. Wird es ruppig oder bleibt es respektvoll, sind die Fußstapfen Bürde oder Chance, wird bloß verwaltet oder entwickelt? Selbst mit den besten Vorzeichen ist die Nachfolge keine einfache Angelegenheit.
Der Prozess stellt sowohl die ältere als auch die jüngere Generation vor große Herausforderungen. Die Senioren müssen ihr über Jahrzehnte mühevoll aufgebautes Imperium aus der Hand geben. Die Junioren fühlen sich oft der Aufgabe nicht sofort gewachsen oder schießen mit übermäßigem Ehrgeiz über das Ziel hinaus.
Am Ende heißt es, Verantwortung für oftmals mehrere Hundert Mitarbeiter zu übernehmen. Da muss das eigene Ego im Zweifel hintenanstehen. Ein guter Indikator für eine geglückte Nachfolge ist, wenn keiner mehr darüber redet und der Unternehmenserfolg im Mittelpunkt steht.
Das Unternehmerpaar Regine und Erich Sixt hinterlässt seinen Söhnen nach einem halben Jahrhundert einen bestens aufgestellten deutschen Branchenprimus und damit gleichzeitig ein schweres Erbe. Seit einigen Jahren sind alle vier in der Firma aktiv. Alexander und Konstantin Sixt beförderten die Firma seitdem in ein neues Zeitalter und bauen an dem Geschäftsmodell für das kommende Jahrzehnt. Seit 2015 haben sie sich als Vorstände das volle Vertrauen der Geschäftsführung verdient.
Konstantin Sixt ist gelernter Betriebswirt und stieg vor knapp 15 Jahren als Verantwortlicher für das Onlinegeschäft ein. Den kompletten Vertrieb der Sixt Autovermietung übernahm er 2013. Der 37-Jährige ist zudem Geschäftsführer der Sixt E-Ventures, des Wagniskapital-Arms der Familie. Er gilt auch als innovativer Kopf der Familie.
Sarna Röser ist Bundesvorsitzende des Verbands „Die Jungen Unternehmer“. Die 32-Jährige ist zudem die designierte Nachfolgerin des in dritter Generation geführten Tiefbauunternehmens Karl Röser aus Mundelsheim am Neckar sowie Gründerin des Start-ups Beamcoo, das den Wissensaustausch von Mitarbeitern über Unternehmensgrenzen hinaus ermöglicht.
Foto: Die Jungen Unternehmer / Anne Grossmann FotografieSein zwei Jahre älterer Bruder Alexander Sixt, ebenfalls gelernter Betriebswirt, startete 2009 im Unternehmen als Leasingchef. Als Vorstand Organisation und Strategie treibt er die Bereiche Strategie, M&A, zentraler Einkauf, Prozessmanagement sowie die neuen Mobilitätsangebote voran. Zudem ist er Personalchef und leitet die Shared Services und die Verwaltung.
In den vergangenen zehn Jahren verdoppelten beide Generationen den Umsatz, vervierfachten den Vorsteuergewinn und verzehnfachten die Marktkapitalisierung. Kompliment an die Familie Sixt, die beim Übergabeprozess nichts dem Zufall überlassen hat. Die Sixts ließen sich von Beratern begleiten. Eine gute Nachfolge ist schließlich immer ein Gemeinschaftsprodukt. Besser als die Sixts können zwei Generationen eine Nachfolge nicht managen! „Sixt ist ein Digitalunternehmen mit angeschlossener Autovermietung“, sagte Alexander Sixt einmal in einem Interview. Mit viel Elan und Weitsicht für die Entwicklung der Mobilitätsbranche treiben die Gründerenkel die Firma voran. Das ist mutig und beweist, wie klar die dritte Generation die Zukunft im Blick hat.
Aus Mitbewerbern Partner gemacht
Mit der Sixt-App und Kooperationen schaffen Alexander und Konstantin Sixt nutzerorientierte Plattformen für Mobilität. Sie machen aus Mitbewerbern Partner. Die Zeiten der Alleingänge sind schließlich endgültig vorbei. Die neuen Vorstände wissen, dass sich bisher kein einziger Fahrdienstanbieter weltweit durchgesetzt hat. Weder in den USA noch in China oder Europa gibt es den einen dominierenden Marktführer. Integration ist das Schlüsselwort, das Konkurrenzdenken überflügelt.
Wie das bei Sixt aussieht? Der Kunde steht immer im Mittelpunkt. Er soll das Auto dort bekommen, wo er es braucht. Ob am Flughafen in Los Angeles oder in Paris. Überall ist Sixt mit Partnern präsent. Da wird die Marge eben im Zweifel aufgeteilt. Mit diesem Denkansatz umarmen die Sixt-Brüder die New Economy, wie es sich kaum ein Firmenchef der alten Schule getraut hätte.
Sixt ist kein Autovermieter mehr, sondern ein weltweit agierender Mobilitätskonzern, der im Plattformgeschäft mitspielt. Unter einem Dach werden Mietautos, Carsharing und Fahrdienste vermittelt. Alles in einer App, deren Anspruch auf die Spitze bereits im Namen mitschwingt: „One“. Dabei sprechen die Brüder Wahrheiten aus, die der urbanen, tendenziell grünen Elite gar nicht gefallen.
So bezweifeln sie, dass Carsharing massentauglich ist. Andererseits verdeutlicht die Familie, dass es nicht mehr um des Deutschen liebstes Kind geht, sondern um dessen Nutzen: Das Auto als solches wird unwichtig, die Mobilität rückt in den Mittelpunkt. Die Sixt-Familie schafft es aber, BMW und E-Bike mit Aussagen wie „Nicht jeder muss ein eigenes Auto besitzen“ oder „Es ist völlig irrational, ein eigenes Auto zu kaufen“ zusammenzubringen. Sie rühren so nicht nur die Werbetrommel, sondern streicheln auch die Seele jedes Greta-Fans. Die omnipräsente Kernbotschaft: Es gibt viel Potenzial für den Mobilitätsvermittler.
Mit lässiger Geschmeidigkeit
Durch die engmaschigen Netze der hypersensiblen Werbewelt bewegt sich Sixt trotz erhöhten Provokationspotenzials mit lässiger Geschmeidigkeit. Verhaken tun sich die anderen. Werbung mit Witz und einer großen Portion Ironie zählt längst zur Unternehmens-DNA.
Gerade im politischen Feld sorgen die Banner für ein wenig Entspannung im ernsten Tagesgeschäft. So wurde die ganze Nation von einem Plakat mit dem Konterfei der neuen EU-Kommissionspräsidentin mit der Aufschrift „Von der Leyen oder von der leihen?“ amüsiert.
Mein Lieblingsspruch war aber ein anderer. Er hielt dem Juso-Chef, der sich mit eigenen scharfen sozialistischen Forderungen hinter die Berliner Initiative stellte, die Unternehmen wie Deutsche Wohnen enteignen wollte, den Spiegel vor: „Lieber Kevin, gerne auch gleich alle Autobesitzer enteignen“.
Es ist durchaus bemerkenswert, wenn einfache Bannerwerbung so klug zum Denken animiert. Natürlich sorgen solche Leckerbissen auch in der Welt der Memes, Gifs und Tweets für gehörigen Appetit und unterstreichen den Anspruch von Sixt im digitalen Bereich, nicht nur Marktführer der Mobilbranche, sondern auch der guten Ideen zu sein.
Die Geschichte der Familie Sixt ist eine echte Unternehmergeschichte. In den Anfangszeiten standen Tanken, Waschen und Parken auf dem Programm. Damals ging es weniger um die Markenbildung, sondern eher um die Bewältigung einer Fahrtroute ohne Navi, App und Smartphone. Ganz klassisch startete Firmengründer Martin Sixt schon 1912 als Taxiunternehmer für die vorwiegend wohlhabende Kundschaft. Später kutschierte die Sixt-Flotte meistens amerikanische Touristen über die bayerischen Landstraßen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Großvater von Alexander und Konstantin neu anfangen, da seine Flotte im Krieg konfisziert worden war. Seine erste Innovation war 1951 die Funkverbindung der Fahrzeuge, die er fortan an die amerikanischen Truppen vermietete. Da sie bis nach Paris fahren wollten, Sixt dort aber keine Partner hatte, übernahm Sohn Erich dort die Verantwortung und bewies sich als würdiger Unternehmensnachfolger. Er baute den Betrieb massiv aus.
Mehr als 200.000 Autos fahren heute für Sixt. Der Konzern hat 7500 Mitarbeiter und macht knapp drei Milliarden Euro Umsatz. 1989 ging das Unternehmen an die Börse. Der Wert der Aktie steigerte sich seitdem um 750 Prozent. Wird es nun also Zeit für Erich und Regine Sixt, sich zurückzuziehen? Meine Prognose: Als eingespieltes Familienunternehmerteam mit 60 Prozent Anteil im operativen Geschäft werden alle Familienmitglieder, Erich, Regine, Konstantin und Alexander Sixt, weiter irgendwie im Einsatz bleiben, nur in unterschiedlichen Rollen.
Foto: Handelsblatt
Foto: dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Max Viessmann
Hier ist die Transformation gelungen: Max Viessmann und sein Vater Martin zeigen, wie es im Idealfall laufen sollte. Energiewende, Digitalisierung und Nachfolge stehen auf ihrer Agenda. Letzteres ist bereits gelungen. Der 30-jährige Wirtschaftsingenieur trat nach Erfahrungen im Ausland, bei der Beratung BCG und als Investor 2016 ins Familienunternehmen ein, zunächst als Chef fürs Digitale. 2017 wurde er Co-CEO neben Joachim Janssen.
Viessmann hat früh begriffen, dass die Transformation des Unternehmens mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz (2018) dann gelingt, wenn man die Mitarbeiter mitnimmt. Er erklärt ihnen regelmäßig, was das Unternehmen antreibt. Schon vor dem 100. Firmenjubiläum entwickelte er mit den Mitarbeitern ein Leitmotiv: „Wir gestalten Lebensräume von morgen für die heutige Generation und für kommende Generationen.“
Es ist also keine Reaktion auf die Öffentlichkeit, sagte Viessmann mit Blick auf die Demonstrationen von Fridays for Future nach der Verabschiedung des Klimapakets. „Es ist unsere Daseinsberechtigung.“ Anja Müller
Marc Fielmann
Der Chef der Optikerkette Fielmann ist zwar erst 29 Jahre alt und damit der jüngste Vorstandschef im MDax. Aber offenbar hat Marc Fielmann keine Zeit zu verlieren. Kaum hatte er die Verantwortung für das Familienunternehmen übernommen, legte er einen Plan vor, mit dem bis zum Jahr 2025 der Sprung in die Digitalisierung gelingen soll.
Die 40-Jährige wurde als Stellvertretendes Mitglied in den Vorstand von B. Braun berufen.
Foto: B. BraunDie neue Strategie sieht Mehrausgaben von 200 Millionen Euro vor, mit denen beispielsweise die Brillenanpassung per Digitaltechnik ins Netz verlegt werden kann. Der Absolvent der London School of Economics tritt damit aus dem Schatten seines 79-jährigen Vaters. Der ist zwar formell noch Co-Chef, hat sich aber im Februar auf eine beratende Rolle zurückgezogen und damit den Weg für seinen Sohn frei gemacht. Auf die neue Rolle hat dieser sich akribisch vorbereitet: Er hat sogar eine Ausbildung als Augenoptiker im eigenen Unternehmen gemacht. Florian Kolf
Anna Maria Braun
Die 40-Jährige ist die erste Firmenchefin in der 180-jährigen Geschichte des Medizintechnikunternehmens B. Braun und die erste Vertreterin der sechsten Familiengeneration in diesem Amt. Seit April führt die studierte Juristin den Konzern aus dem hessischen Melsungen, der zuletzt knapp sieben Milliarden Euro Umsatz erzielte und weltweit knapp 64.000 Mitarbeiter beschäftigt.
Foto: Max Brugger für Handelsblatt
Anna Maria Braun gilt als weltoffen, hat viele internationale Stationen in ihrem Lebenslauf und arbeitet seit mehr als einem Jahrzehnt in verschiedenen Positionen im Familienunternehmen – die meiste Zeit davon in Asien, in der Niederlassung im malaysischen Penang. Seit 2016 ist sie im Vorstand für die Region Asien-Pazifik verantwortlich.
Die Mutter von drei Kindern gilt als umgänglich, aber auch ehrgeizig und zielstrebig. Wachstum aus eigener Kraft und die Steigerung der Profitabilität, so hat sie zum Amtsantritt ihr Programm nüchtern be‧schrie‧ben. Schließlich wolle B. Braun auch weiterhin ein geschlossenes Familienunternehmen bleiben. Maike Telgheder
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Lange hatte man bei der Drogeriemarktkette dm, wenn die Frage zur Nachfolgeregelung gestellt wurde, abgewiegelt: Nein, der Sohn von Gründer Götz Werner habe keine Ambitionen auf Karriere im Unternehmen. 2010 kam er dann doch, rückte 2011 in die Geschäftsführung ein.
Aber noch immer hieß es: Der seinerzeit 37-Jährige sei nicht vom Vater entsandt worden. Der damalige Chef Erich Harsch habe den Betriebswirt, der zuvor unter anderem für L’Oréal und Glaxo Smithkline in Frankreich gearbeitet hatte, auserwählt.
Erst im August 2019, als Harsch selbst nach mehr als drei Jahrzehnten im Konzern seinen Abschied bekannt gab, kam die Nachricht: Christoph Werner macht es doch und übernimmt den Vorsitz der Geschäftsführung. Sein Credo: Immer den Sinn suchen, den Mitarbeitern als Chef nicht im Weg stehen, sich auf die Stärken konzentrieren – denn Wachstum ist eine Folge von Stärke.
Autorin: Corinna Nohn